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Klimawandel: Extreme Temperaturen gelten schnell als normal – zeigt Twitter

Menschen reden gerne übers Wetter. Einer Twitter-Analyse zufolge wird extremes Wetter aber rasch nicht mehr als solches wahrgenommen – zumindest oberflächlich.

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Klimawandel: Extreme Temperaturen gelten schnell als normal – zeigt Twitter

(Bild: Georgii Shipin(Shutterstock.com)

Wenn es darum geht, ob wir Wetterereignisse für außergewöhnlich halten, haben wir offenbar ein sehr kurzes Gedächtnis und ziehen zum Vergleich nur eine sehr kurze Vergangenheit heran. Das dürfte sich auch darauf auswirken, wie wir den Klimawandel bewerten, haben Forscher der University of California, Davis durch eine Auswertung von mehr als zwei Milliarden Tweets ermittelt.

Darin sei extremes Wetter wie etwa ein besonders warmer März oder ein unerwartet kalter Winter fleißig erwähnt worden. Wenn die Temperaturen im Folgejahr aber ähnliche Werte erreichen, habe das weniger Tweets provoziert.

Wie die Wissenschaftler erläutern, haben sie für ihre Studie mehr als zwei Milliarden geolokalisierte Tweets ausgewertet, die in den zusammenhängenden 48 US-Bundesstaaten auf dem nordamerikanischen Kontinent (Continental USA) verfasst wurden und sich mit dem Wetter befassen. Der Datensatz umfasst den Zeitraum zwischen dem März 2014 und November 2016. Darin haben die Forscher automatisiert danach gesucht, welche Gefühle in den Tweets zum Ausdruck kommen und die mit den Wetterdaten für den jeweiligen Ort verglichen.

In den Proceedings of the National Academy of Sciences erklären die Forscher um Frances Moore, dass der Referenzzeitraum für unser Bild von normalem Wetter wohl lediglich zwei bis acht Jahre in die Vergangenheit weist. Während die Durchschnittstemperaturen wegen des Klimawandels langsam aber kontinuierlich ansteigen, verändere sich also das Empfinden: Was noch kurz zuvor als extrem galt, werde schon bald als normal wahrgenommen. Eine Projektion ihrer Erkenntnisse in die Zukunft verdeutlicht, wie die Durchschnittstemperaturen zwar ansteigen, die wahrgenommenen Temperaturen aber auf einer festen Basislinie verharren.

Während die Temperaturen ansteigen, nehmen die Menschen nur die jeweiligen Extreme wahr, halten das Wetter aber insgesamt für normal, prognostizieren die Forscher anhand ihrer Daten.

(Bild: Moore et.al)

Die Forscher erinnert das an jene Metapher, der zufolge ein Frosch der plötzlich in kochendes Wasser gesetzt wird herausspringt, aber langsam erhitztes Wasser bis zum Tod toleriert. Dieses Phänomen ist im Fall von Fröschen zwar wissenschaftlich nicht haltbar, beschreibe aber anschaulich, was hier beobachtet worden sei: Historisch extreme Temperaturen verlieren an Nachrichtenwert und werden seltener kommentiert. Die damit verbundene negative Einschätzung scheint aber – anders als beim metaphorischen Frosch – nicht zu verschwinden.

Denn auch wenn seltener über eigentlich extremes Wetter getwittert wurde, heiße das nicht, dass sich die Menschen wirklich daran gewöhnt hätten, ergänzen die Forscher. Zwar seien die eigentlich extremen Wetterereignisse immer seltener kommentiert worden, aber die Menschen fühlten sich währenddessen trotzdem "unglücklich". Das habe eine Analyse der auf Twitter ausgedrückten Gefühle gezeigt. Nur die Verbindung des negativen persönlichen Empfindens zum Wetter falle also weg.

Für den Umgang mit dem Klimawandel könnte das hier beobachtete Phänomen Folgen haben, erklären die Wissenschaftler noch. Wenn Menschen sich derart schnell an Wetterextreme gewöhnen, könnte das dafür sorgen, dass sich immer mehr mit dem Klimawandel abfinden und das die immer extremeren Maßnahmen, die als Gegenmaßnahme nötig wären, nicht die nötige Akzeptanz finden. (mho)