Menü

Kommentar: Beim Bezahlsystem zeigt Apple wieder mal seine Stärken

Während das iPhone 6 nichts Revolutionäres hat und selbst Apples Smartwatch nur wie (gelungenes) Hinterherlaufen aussieht, spielt der Konzern beim Bezahlsystem seine Stärken aus.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 548 Beiträge
Anzeige
Apple iPhone 6  16GB grau
Apple iPhone 6 16GB grau ab € 484,99

Apple speichert die Kreditkarte auf dem Handy, wobei die Bezahlinformationen nicht beim Händler oder Apple landen, sondern nur bei der Bank.

(Bild: Apple)

Apples Struktur, Hardware, Software und Ökosystem in einer Hand zu lassen, macht sich beim Bezahlsystem Apple Pay, nunja, bezahlt. Ein umfassendes Bezahlsystem haben nämlich weder Google noch die Gerätehersteller oder die Mobilfunkprovider alleine hinbekommen. Beim Ökosystem hat Apple nun aufgrund der direkten Verträge mit Banken und Kreditkartenfirmen die Nase vorn – ohne Zwischenhändler. Ähnlich hatten damals Apples Verträge mit Musik-Labels den Nutzern legale Digitalmusik und Apple den iPod-Boom beschert.

Genau diese Zwischenhändler und Mitverdiener sind es, die bisherige Bezahlsysteme schwächen. Die Systeme sind entweder auf zu wenige Läden beschränkt, oder an einen Mobilfunkanbieter gebunden (was will die Telekom damit zu tun haben, wenn ich einen Kaffee kaufe!?) oder sie zwingen die Einzelhändler zu zusätzlichen Verträgen mit neuen Dienstleistern. Einige wollen den Händlern ermöglichen, die Nutzer mit Bonussystemen, Rabattaktionen und ähnlichem – also mit Werbung – zu stören.

Ein Kommentar von Jörg Wirtgen

Schreibt seit 1999 für c't und heise online, anfangs über Mainboards und Prozessoren, seit vielen Jahren nun über Notebooks, Smartphones und Tablets. Daneben beschäftigen ihn Android-Programmierung und die Synchronisation des ganzen Geräteparks.

Google wäre der richtige Akteur, um das Bezahlen mit Android nach vorne zu bringen, doch ihr Wallet kommt auch nicht recht voran und schafft nicht den Sprung nach Europa. Wenn Apple nun ankündigt, "keinerlei Kaufhistorie" zu speichern, wird auch klar warum: Google scheint kein Interesse an einem Bezahlsystem zu haben, bei dem es nichts zu durchsuchen gibt. Hier sieht man vielleicht am deutlichsten, dass nicht die Smartphone-Nutzer Googles Kunden sind, sondern die Werbetreibenden. Eher wäre Microsoft in der richtigen Position.

Apple greift mit dem Hinweis auf den Datenschutz aber nicht nur Googles Datenkraken-Image an, sondern reagiert auch aufs iCloud-Debakel, das Apple gerade in den USA viel Vertrauen gekostet hat. Es klingt allerdings ungewohnt defensiv, Datenschutz nicht etwa durch eine bessere iCloud-Absicherung zu gewährleisten, sondern nur dadurch, die Bezahldaten gar nicht erst zu speichern.

Bleibt die Frage, ob sich Apples System hierzulande durchsetzen wird. Noch gelten die Verträge nur für die USA, wo das iPhone einen viel größeren Marktanteil hat und wo viel mehr per Kreditkarte bezahlt wird als in Deutschland. Kann sich hierzulande ein Bezahlsystem durchsetzen, das keine zwanzig Prozent der Smartphone-Besitzer nutzen können? Und selbst die iPhone-Nutzer müssen sich ja erstmal ein iPhone 6 oder Apple Watch (plus iPhone 5) kaufen. Das Ende für alternative Bezahlsysteme hat Apple also keinesfalls eingeläutet, sondern vielleicht eher den Anreiz für die Konkurrenz geschaffen, endlich mal zu Potte zu kommen.

Ach ja, Uhr und Telefon: Die wiederum zeigen, dass Apple nur noch dort wichtige Akzente setzen kann, wo die Alles-in-einer-Hand-Strategie zieht, und das ist bei beiden nicht der Fall. Die neuen iPhones haben nichts, was es nicht woanders schon gibt. Sie bleiben natürlich Spitzentelefone, die in der Kombination aller Qualitäten schwer zu übertreffen sind. Immerhin ist die bisher lächerlich kleine Modellauswahl jetzt kein Grund mehr, sich von Apple abzuwenden. Zur Diskussion, ob ein 5,5-Zoll-Phablet das Tablet ersetzt oder zu groß ist, sei auf die zwei, drei Jahre alte Android-Berichterstattung verwiesen.

Das Konzept, mit der Uhr das Smartphone zu ergänzen statt zu ersetzen, erweist sich als sinnvoll. In Details mag die Apple-Watch besser als eine Android-Watch funktionieren, doch schöne Bedienoberflächen kann Google (inzwischen) auch. Bis Apples Uhr tatsächlich auf den Markt kommt, haben die Android-Hersteller die zweite oder dritte Uhrengeneration im Verkauf und Google mindestens ein Update geliefert (das übrigens ohne Validierung der Hersteller auf den Smartwatches landen soll). Die Android-Vielfalt ist schon jetzt größer. Lediglich ein wichtiger Punkt, der bei Google fehlt, spricht für die Apple Watch: Das Bezahlen per Uhr. (jow)

Anzeige
Anzeige