Kommentar: Corona-App? Danke, aber wir sind erwachsen

Die Technikgläubigkeit der Branche treibt in der Pandemie besonders seltsame Blüten. Die Corona-App ist keine gute Idee, meint Volker Briegleb.

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Kommentar: Corona-App? Danke, aber wir sind erwachsen

(Bild: Alexander Kirch / Shutterstock.com)

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  • Volker Briegleb

"There's an app for that." Der alte Werbespruch für Apples iPhone ist längst zu einem schalen Witzchen verkommen, das wohl nur noch Babyboomer lustig finden. Doch wie es mit Werbeslogans so ist: Sie bringen größere Zusammenhänge knackig auf den Punkt. Wir haben für jedes Problem eine Lösung! Dieser Anspruch gilt auch zehn Jahre später noch. Problem heute: das Coronavirus.

Ein Kommentar von Volker Briegleb

Volker Briegleb schreibt als Onliner der ersten Stunde viel ins Internet, seit 2006 für c’t und heise online. Findet Windows Phone und Hertha BSC gut.

So there's an app for that. Gleich mehrere Konzepte wetteifern um die beste Lösung. Apps sollen Daten sammeln, beim neuen Volkssport "Social Distancing" helfen und warnen, wenn man Infizierten zu nahe gekommen ist. Datenschützer schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Aktivisten stockt der Atem. Das ist das Ende der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Die Aufregung ist so berechtigt wie die Debatte überflüssig. Denn wie sinnvoll kann so eine App sein, die dem strengen europäischen Datenschutz gerecht werden muss? Die auf Freiwilligkeit setzt? Die Alarm schlägt und Unsicherheit schürt, aber keine verlässliche Einschätzung des tatsächlichen Infektionsrisikos erlaubt, weil die näheren Umstände der Datenschutz unterdrückt? Wie kann eine App die besonders gefährdeten älteren Menschen schützen, von denen ein Drittel nicht mal ein Smartphone hat?

Wer sich diese Fragen ehrlich beantwortet, muss zu dem Schluss kommen: Eine App, die effektiv vor Ansteckungen schützt, kann es nur unter chinesischen Bedingungen geben. Apples alter Slogan und die deutsche App-Debatte sind deshalb vor allem Ausdruck der unbeirrbaren Technikgläubigkeit, die die Tech-Branche antreibt: der typische Silicon Valley Solutionism, der meint, für alles eine Lösung zu haben.

Besser als eine App: Sich da draußen verantwortungsvoll bewegen (wie es nun aussieht: mit Maske). Wir Erwachsenen sollten das hinkriegen und als Erziehungsberechtigte auch dafür sorgen, dass sich der Nachwuchs angemessen benimmt. Wir werden ohnehin nicht in die Verlegenheit kommen, so eine App benutzen zu müssen: Die deutschen Diplom-Bedenkenträger und unsere hocheffiziente Verwaltung werden schon dafür sorgen, dass die Apps erst kommen, wenn es einen Impfstoff gibt. Gegen Krebs. (vbr)