Kommentar: Corona-App? Wenn's richtig gemacht ist, helf ich gern

Sollen Menschen per App Kontakte aufzeichnen, um mögliche Infektionen zu finden? Ja, findet Martin Holland – notfalls auch mit Kompromissen beim Datenschutz.

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(Bild: ra2studio/Shutterstock.com)

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Vor sieben Jahren proklamierte der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) die Sicherheit als "Supergrundrecht" und zog damit viel Häme auf sich. Aktuell hat man das Gefühl, dass wohl nicht wenige seiner damaligen Kritiker nun ein neues "Supergrundrecht" gefunden haben: das auf Datenschutz. Hierzulande ist aber nur die Menschenwürde "unantastbar", auch der Datenschutz steht nicht über allem. Wenn beim Kampf gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 hier Einschränkungen nötig sind, dann geht das prinzipiell – so wie derzeit schon andere Grundrechte beschränkt werden. Es muss aber verhältnismäßig bleiben. Eine App, die es ermöglicht, Kontaktpersonen nachzuverfolgen und die Infektionsketten des Coronavirus SARS-CoV-2 zu unterbrechen, könnte so ein Fall sein.

Ein Kommentar von Martin Holland

Martin Holland schreibt seit 2012 für heise online und c't. Lange Zeit beschäftigte er sich vor allem mit den NSA-Enthüllungen des Edward Snowden und deren Folgen. Daneben befasst er sich aber auch mit Astronomie und E-Books.

Eine Contact-Tracing-App kann helfen, Infektionsketten zu durchbrechen. Denn wer sich infiziert, merkt das unter Umständen erst nach Tagen oder überhaupt nicht und steckt in der Zwischenzeit andere an. Durch die technische Hilfe können diese dann aber unter Umständen früher von ihrer möglichen Infektion erfahren, als sie sonst durch Symptome bemerkt hätten. Sie könnten sich dann so weit es geht isolieren und die Ausbreitung des Virus bremsen. Dafür braucht es die richtige Technik: GPS- und Mobilfunküberwachung sind zu ungenau und verraten gleichzeitig zu viel, Bluetooth ist am sinnvollsten. Das scheint aktuell bereits Konsens und Entwickler haben mit der Arbeit begonnen. Gleichzeitig gibt es aber auch viel Kritik, die jedoch nur selten konstruktiv ist.

Solch eine App darf nur das absolute Minimum an nötigen Daten sammeln, der Quellcode muss offenliegen, sie muss so sicher wie irgend möglich und Missbrauch unmöglich sein. Zugegeben, das sind sehr hohe Anforderungen, aber das heißt doch nicht, dass es nicht probiert werden soll. Hier kann die IT-Gemeinde beweisen, dass Open Source in Verbindung mit lernfähigen Entwicklern sowie aufmerksamen Nutzern überlegen ist und dass Datenschutz technische Lösungen nicht verhindert. Selbst wenn am Ende trotzdem Kompromisse beim Datenschutz nötig sind, könnte das verhältnismäßig sein. Immerhin wird uns versprochen, dass dadurch Grundrechte anderer etwa auf körperliche Unversehrtheit geschützt werden und wir unser Grundrecht auf Bewegungsfreiheit wieder freier ausüben können.

Und es gibt noch weitere Voraussetzungen für eine derartige App. So muss sie freiwillig sein und darf unter unabhängiger Kontrolle nur so lange eingesetzt werden, wie von dem Virus eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Das muss und kann von einer kritischen Öffentlichkeit kontrolliert werden. Verstöße wie etwa Diskriminierungen von Nichtnutzern müssen geahndet werden, sonst gäbe es einen impliziten Zwang. Wenn aus all diesen und weiteren Gründen insgesamt weniger Menschen solche Apps nutzen, dann ist das zu akzeptieren. Gleichzeitig würde es uns trotzdem helfen, wenn dann eben nur immer mal wieder einige Neuansteckungen verhindert werden, die berühmte "Kurve abzuflachen".

All das lässt sich umsetzen und spricht nicht grundsätzlich dagegen, Interessierten eine solche App zur Verfügung zu stellen. Wer sie benutzt, kann damit der Allgemeinheit dienen. Dass wir in der übergroßen Mehrheit bereit sind, Opfer für die Gesundheit unserer Mitmenschen zu bringen, haben wir in den vergangenen Wochen eindrucksvoll gezeigt. Und wer jetzt trotzdem noch nicht überzeugt ist, der kann ja wenigstens eine Maske aufsetzen. (mho)