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Technology Review

Kommentar: Dem dezentralen Energiesystem fehlt ein politisches Gesamtkonzept

Einerseits betont die Politik die Bedeutung von dezentraler Energieerzeugung, doch Gesetzesänderungen zielen in eine andere Richtung. Ein Ende des Widerspruchs ist nicht in Sicht, findet Eva Augsten.

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Kommentar: Was muss die Politik tun?

(Bild: Metropolico.org / Flickr / cc-by-sa-2.0)

Zigtausende Menschen haben heutzutage ihr Energiemanagement selbst in die Hand genommen: Sie ernten eigenen Solarstrom und speichern ihn in Batterien. Aber sie teilen auch Überschüsse mit anderen Verbrauchern und beziehen im Winter Strom aus dem Netz. Völlige Autarkie ist nicht ihr Ziel. "Einen Salatkopf kann ich im Garten ziehen und dann selbst essen oder dem Nachbarn über den Zaun reichen", sagt Willi Krauss, einer von zahlreichen Bürgern. "Es wäre schön, wenn das auch beim Strom ginge."

Doch obwohl Politiker die Bedeutung von bürgernaher Energieerzeugung betonen, sieht die Realität anders aus. Minister sorgen sich um die Steuereinnahmen, Energiekonzerne um ihre Umsätze. Mit jeder selbst erzeugten Kilowattstunde entgehen dem Staat schließlich knapp sieben Cent an Strom- und Mehrwertsteuer. "Die Gesetzesänderungen der letzten zwei Jahre zielen konsequent darauf ab, dezentrale Versorgungsmodelle unwirtschaftlich zu machen", sagt Martin Hack, der als Rechtsanwalt viele kleine Stromerzeuger vertritt. Sobald die Spitzenleistung einer Solaranlage, eines Windrads oder Mini-Blockheizkraftwerks zehn Kilowatt übersteigt, muss der Besitzer für seinen Strom die EEG-Umlage bezahlen, mit der die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegte Einspeisevergütung für Ökostrom finanziert wird. Nun will Finanzminister Wolfgang Schäuble für Anlagen, die mehr als 20 Megawattstunden Strom im Jahr liefern, sogar noch gut zwei Cent Stromsteuer obendrauf packen.

Die Abgaben treffen nicht nur Hausbesitzer, sondern auch Mieter, die Strom von einer Solaranlage auf dem Dach oder einem Blockheizkraftwerk im Keller eines Mehrfamilienhauses beziehen. Offizielle "Mieterstrom"-Anlagen sind daher selten. Inoffiziell aber dürfte das Bild anders aussehen. Michael Vogtmann vom fränkischen Landesverband der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie schätzt, dass einige Hundert Hausbesitzer ihre Mieter genauso unbürokratisch mit Strom versorgen wie Willi Krauss seinen Nachbarn mit Salat – weil sie die immer komplexeren Vorschriften schlicht nicht kennen. Weniger Abgaben und weniger Bürokratie sind daher die häufigsten Forderungen der Verfechter dezentraler Stromerzeugung.

Der Haken daran: Ökostromvergütung oder Netzgebühr sind Gemeinkosten, die sich vor allem über die Strommenge finanzieren, die Verbraucher beim Energieversorger kaufen. Wer Strom selbst produziert, zahlt weniger Gemeinkosten, alle anderen jedoch entsprechend mehr. Laut einer groben Rechnung von Volker Quaschning von der HTW Berlin würde die EEG-Umlage allerdings lediglich um 0,3 Cent steigen, wenn alle Ein- und Zweifamilienhäuser in Deutschland ein Drittel ihres Stroms selbst produzierten. Dennoch will die Bundesregierung nun mit einer drastischen Maßnahme gegensteuern: Eigenstromerzeuger sollen den Anspruch auf die sogenannte Grundversorgung mit ihren festen Tarifen verlieren. Wer in Zukunft eigenen Solarstrom produziert, riskiert also, den verbleibenden Strombezug aus dem Netz deutlich teurer bezahlen zu müssen als bisher. Dieses Wagnis werden viele Verbraucher scheuen.

Ein politisches Gesamtkonzept, das die Widersprüche auflöst, ist nicht in Sicht. Verbraucher investieren immer seltener auf eigene Faust in Solarstromanlagen. Im Gegenzug bieten Joint Ventures aus der Solar- und Speicherbranche sowie der Energiewirtschaft "Unabhängigkeit" als standardisiertes Produkt an, in Form von Rundum-sorglos-Paketen, die neben der Solaranlage sowie Wartung und Steuerung des Energiemanagements auch einen langjährigen Vertrag für die Lieferung des restlichen Stroms beinhalten. So wird der Strom zwar dezentral produziert, aber das System weiter zentral kontrolliert.

(Eva Augsten) / (jle)

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