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Kommentar: Der Diskurs um Digitalisierung ist kaputt

IT-Experten sollten den Digitalisierungs-Diskurs nicht länger Laien überlassen und ihre Kompetenzen in der Politik einsetzen, fordert c't-Redakteur Jan Mahn.

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Die Debatte um die Urheberrechtsreform hat gezeigt, wie dringend nötig IT-Sachverstand in der Politik ist.

(Bild: © European Union 2018 - Source : EP)

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"Digitalisation and cyber are two sides of the same coin." Ein Satz, der den Leser mit IT-Hintergrund auch bei mehrmaligem Lesen völlig ratlos zurücklässt. Zeugt er doch entweder von großer philosophischer Kraft des Autors oder von völliger Ahnungslosigkeit. Gemeint sein könnte "cyber security", "cyber war", oder vielleicht doch etwas ganz anderes, "cyber" halt. Der Satz entstammt der schriftlichen Bewerbung, die Ursula von der Leyen dem EU-Parlament bei ihrer Kandidatur vorgelegt hat und ist umrahmt von weiteren hochkarätigen Formulierungen wie dieser: "Europe already sets standards in telecoms. It is time to replicate this success and develop joint standards for our 5G networks." Ausgefallene Idee, gemeinsame technische Standards für eine Funktechnik zu vereinbaren. Und so innovativ.

Ein Kommentar von Jan Mahn

Jan Mahn ist seit 2017 bei der c't. Er beschäftigt sich mit den Tücken von Windows- und Linux-Servern, Docker und dem vernetztem Zuhause.

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Es wäre zu einfach, sich an all diesen Sätzen abzuarbeiten und die persönliche Kompetenz der frisch gewählten Kommissionspräsidentin bei Digitalthemen in Frage zu stellen. Oder besser die Kompetenz der Wirtschafts- und PR-Berater, die das 24-seitige Dokument – davon immerhin 1,5 Seiten über Digitalisierung – in zwei Wochen mutmaßlich zusammengezimmert haben. Die Fallhöhe wäre viel zu niedrig, weil niemand etwas anderes erwartet hat.

Diese Sätze zeigen aber ein viel größeres Problem: Der gesamte Digitalisierungs-Diskurs ist verkommen zu einer Phrasendreschmaschine mit den immer gleichen vier Buzzwords: KI, Blockchain, IoT und 5G. Und an diesem Verfall sind auch wir, die IT-Spezialisten, Programmierer und Nerds zum Teil Schuld. Weil wir zuschauen, den Kopf schütteln aber nicht selbst aktiv werden.

Kein Spitzenpolitiker in Deutschland hat einen informationstechnischen Hintergrund. Niemand, der zur Vernunft rufen könnte, wenn KI mal wieder mit sprechenden Robotern gleichgesetzt wird, die uns allen die Arbeitsplätze wegnehmen. Immer wieder haben die Politiker dabei einen Berater, der sogar noch schlechter ist als die vielkritisierten Damen und Herren von McKinsey & Co., die mit Exceltabelle und Maßanzug in Ministerien einmarschieren: die Angst. Der schlechteste Berater von allen.

Politiker stehen vor einem gigantischen Themenkomplex, der sich ihnen nicht mehr erschließt, über den sie aber mal gehört haben, er sei wichtig. Zwei große Gefahren meinen sie ausgemacht zu haben: Erstens werden wir in Deutschland (oder sogar in ganz Europa) sehr sehr bald abgehängt. Vom Amerikaner und Chinesen, von Google und Facebook. Die machen ja alle schon viel mit KI, Cloud und Blockchain und laufen uns davon.

Diese Angst vorm Abgehängtwerden führt zu einer verkorksten reaktiven Digitalwirtschaftspolitik, die vor allem aus Absichtserklärungen und Fahrplänen besteht. 2020, 30, oder 40 sind wir sicher wieder Glasfaser-, KI- und 5G-Weltmeister und machen auch viel mit Big Data und diesen sogenannten Algorithmen, schließlich haben wir schon nationale Strategien dafür ausgearbeitet. Dass Digitalisierungspolitik auch und vor allem Bildungspolitik sein müsste und Machine Learning zu 100% aus Mathematik und zu 0% aus Magie besteht, davon kein Wort. Wer gute KI haben will, braucht gute Mathematiker und Informatiker – die gibt es nur mit guter Bildung. Dass der Markt offenbar nicht sonderlich erfolgreich darin ist, den Netzausbau auf dem Land noch in diesem Millenium abzuschließen, auch das ignoriert man gekonnt oder bekommt es gar nicht mit.

Zweitens gibt es da noch die andere, viel größere Angst. Die Angst vor den bösen Umtrieben im Internet oder diesem ominösen Darknet – einer Art Internet für kapuzentragende, hackende Kriminelle, die – nur im Schein ihres Monitors – ihren kriminellen und terroristischen Zielen nachgehen. Eines haben die selbsternannten Heimat- und Freiheitsschützer erkannt: Da kann ja jeder kommunizieren, Waffen und Drogen kaufen, oder sogar verschlüsseln (!) wie er will. Was man nicht versteht, macht Angst.

Weil die Stimmen der Vernunft und der digitalen Freiheit zu leise sind, können die Innenminister ungestraft über VPN- und Tor-Verbote schwadronieren, Klarnamenpflicht in Foren und Hintertüren in Kryptografie fordern. Um eine vermeintliche Lücke im fast perfekten Überwachungssystem zu schließen, reißt man lieber riesige Lücken in unsere Freiheits- und Grundrechte. In der Gedankenwelt eines Horst Seehofers gibt es halt keinen Grund für Anonymität im Netz. Whistleblower? Das sind für ihn auch nur Kriminelle mit Laptop. Und Journalisten können ja Briefe schreiben.

Der Protest gegen diese Angriffe auf unser Grundgesetz? Der verhallt bei Twitter und unter Nerd-Kollegen im Nerd-Büro. Doch keine Partei im politischen Berlin schafft es, das Thema der Freiheit im analogen und digitalen Alltag so ins Gespräch zu bringen, dass etwas hängen bleibt. Die vermeintliche Freiheitspartei FDP reduziert ihre digitalpolitischen Ambitionen lieber auf die Belange von Start-ups, die irgendwas mit Computern machen. Das ist hip, das ist Zukunft, das machen wir bald eh alles in der Blockchain. Doch wer in einem Tweet über die Abschaffung von Faxgeräten die Hashtags "#disruptyourself" und "#blockchain" verwendet, hat sich als Digitalpolitiker weitestgehend disqualifiziert.

Grundsätzlich gilt, sowohl in Politk als auch in der Wirtschaft: Wer von Disruption redet, hat noch nie ein echtes Problem in der IT lösen müssen. Wer schon mal mit beiden Händen in einem engen Netzwerkschrank hing, ein kaputtes RAID oder eine zerlegte Datenbank wiederbeleben musste, oder den Fehler in undokumentiertem Code seines Vorgängers suchen sollte, der redet nicht über Disruption. Denn er weiß, dass IT anstrengendes Handwerk ist und Veränderungen langsam aber stetig passieren. Den Begriff Disruption überlassen die Macher lieber den Dampfplauderern und Anzugträgern.

Dass der Digitalisierungs-Diskurs von den Falschen dominiert wird, ist offensichtlich und beängstigend. Aber was sollten Spezialisten denn bitte Sinnvolles dazu beitragen? Haben Digital-Experten überhaupt etwas dazu zu sagen? Ich denke schon.

Ein Beispiel gefällig? Eine nationale oder europäische Open-Source-Strategie wäre mal ein Anfang. Im föderalen Deutschland entwickelt munter jedes Bundesland eigene Systeme für Verwaltungsaufgaben. Jede Stadtverwaltung vergibt per Ausschreibung die Entwicklung einer Terminvergabe für das eigene Bürgerbüro. Warum lässt jede kommunale Abfallgesellschaft einen eigenen Online-Abfuhrkalender zusammenflicken? Und warum haben wir eigentlich in jedem Dorf eine andere Warn-App für den Katastrophenfall? Ist das eine kaputte Maßnahme der Wirtschaftsförderung oder Unvermögen? Wenn zwei Entwicklungsfirmen das gleiche Programm für unterschiedliche staatliche Stellen schreiben, ist das nichts anderes als Verschwendung von Steuergeld.

Der Staat – und zwar auf allen Ebenen, von der Gemeinde bis nach Berlin oder Brüssel – sollte per Gesetz verpflichtet werden, neue Software-Lösungen nur noch als Open-Source-Software in Auftrag zu geben. Wird Steuergeld in Software investiert, muss der Code anschließend allen gehören und frei zugänglich sein. Andere können sie übernehmen und weiterentwickeln, neue Entwickler können das Projekt weiterführen und versierte Bürger den Bug schnell selbst per Pull-Request ausmerzen. Am Ende könnte man genau so viele Firmen beauftragen, hätte fürs gleiche Geld aber bessere Software.

Natürlich hört man bei einem solchen Vorschlag schon die Bedenkenträger rufen: "Aber das öffnet doch Hackern die Tür, wenn sie den Code kennen!" Schon wieder sind politisch aktive Spezialisten gefordert, die ihre Erfahrungen einbringen können: Software wird besser und sicherer, wenn sie offen entwickelt wird und Security by Obscurity war noch nie ein gutes Konzept.

Aber nicht nur dort, auch beim Glasfaser-Ausbau, bei papierloser Verwaltung und der Investition in Grundlagenforschung braucht es mehr Spezialisten, die ihre Meinungen in der Politik vertreten. Kein BWL-Unternehmensberater wird einem Ministerium erklären können und wollen, wie Machine Learning wirklich funktioniert und welche Probleme man mit einer Blockchain wirklich lösen kann. Die werden weiter ihre Gartner-Reports zitieren, Excel-Tabellen oder Glaskugeln befragen und schließlich erzählen, was die Auftraggeber hören wollen: Dass bald der KI-Blockchain-Cyber-Messias aus der Cloud kommt und unsere Arbeitswelt der Zukunft disrumpiert. Wenn der finstere Chinese oder das pferdefüßige Google uns nicht zuvor kommen.

Die Zeit der stillen Empörung im Server-Raum sollte vorbei sein. Jetzt ist es an der Zeit, die Konsole zu sperren, aufzustehen und das Büro zu verlassen. Demokratie ist wie Open-Source-Software. Vom Meckern und Zuschauen wird das Ergebnis nicht besser. Habe Mut, dich deines IT-Sachverstands zu bedienen. (jam)