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Kommentar: Der Fortschritt braucht Uber nicht

Der Mitfahr-Dienst Uber will trotz des Verbots durch das Frankfurter Landgericht einfach weitermachen. Trotzig heißt es: Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Dieser kalkulierte Verstoß gegen alte Regeln ist aber nicht wirklich progressiv.

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Einfach aufgeben ist nicht: "Uber wird seine Tätigkeit in ganz Deutschland fortführen", lässt das Unternehmen nach der Einstweiligen Verfügung des Landgerichts Frankfurt verlauten. Uber geht das Risiko trotz einer Strafandrohung von 250.000 Euro ein. Mit über einer Milliarde Risikokapital kann sich das US-Startup das sogar leisten. Uber ist hier, um zu kämpfen – und zu gewinnen. "Fortschritt lässt sich nicht ausbremsen", behauptet das Unternehmen trotzig.

In Deutschland läuft es nicht ganz rund: Fahrdienst Uber.

(Bild: dpa)

Wo Uber auftaucht, ist der Ärger mit Behörden und Justiz vorprogrammiert. Das liegt in der DNA des Unternehmens: Uber versteht sich als "Disruptor". Sie wollen den Markt auf den Kopf stellen, um dann ganz oben zu sein. Derzeit sitzt da oben noch "dieses Arschloch namens Taxi", wie es Uber-CEO Travis Kalanick zu nennen pflegt. Und das Arschloch soll weg.

Ubers aggressiver Auftritt verfehlt seine Wirkung nicht. Das Startup umgibt sich gerne mit einer Aura der Modernität und Innovation. Das kommt gut an bei Wirtschaftsjournalisten und EU-Kommissarinnen. Doch unter dem schönen Label "Sharing Economy" verbirgt sich ein marktradikaler Ansatz: Scheiß auf die Regeln, wir machen unsere eigenen. Man kann das überspitzt so formulieren: Das Risiko tragen Fahrer, Fahrgäste sowie deren Versicherungen – und Uber behält 20 Prozent des Umsatzes.

Ein Kommentar von Volker Briegleb

Volker Briegleb schreibt seit 2006 für heise online und die c't. Dabei interessiert er sich unter anderem für die Auswirkungen der digitalen Revolution auf andere Branchen.

Seinen Fortschritt hat Uber zuerst über die in der US-Geschäftswelt beliebten Limousinenservices gebracht. Das Prinzip ist kein Voodoo, aber effizient: Eine ortsbasierte App bringt Fahrer mit Fahrgästen zusammen und sorgt für die Abrechnung. Eine gute Idee, von der alle Beteiligten was haben: Fahrer sind besser ausgelastet, Fahrgäste werden schneller bedient, Uber macht seinen Schnitt. Die Investoren – darunter Google, Jeff Bezos, Goldman Sachs – sind begeistert. Im Silicon Valley fliegen sie auf Uber, weil viele Limousine fahren.

Was Investoren aber noch mehr lieben als Limousinen und Powerpointfolien, auf denen "disruptive" steht, ist Wachstum. Also expandiert Uber in alle Welt und ist inzwischen an über 200 Standorten am Start, darunter auch ein paar deutsche Städte: Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, Düsseldorf, bald sollen Köln, Stuttgart und weitere dazukommen. Alle halbe Jahr verdoppelt Uber seinen Umsatz, erzählt Kalanick stolz.

Für mehr Wachstum dehnt Uber sein Geschäftsmodell aus und vermittelt auch kleinere Fahrzeuge oder Freizeitchauffeure mit dem eigenen Auto. Auch ein neues Preismodell haben sich die Innovatoren ausgedacht: Beim "Surge Pricing" steigt der Preis mit der Nachfrage. Als Hurricane Sandy über New York fegte, verdoppelte Uber die Preise. Das ist das Prinzip Uber: Markt pur. Angebot und Nachfrage.

Dagegen steht das Taxigewerbe: Reguliert, konzessioniert, verknöchert. Aber auch verlässlich: Das Taxi muss die Oma auch bei schlechtem Wetter für 'nen Fünfer zum Arzt um die Ecke fahren. Bei Uber bleibt sie vielleicht im Regen stehen. Es ist nicht ohne Ironie, dass tolle disruptive Geschäftsmodelle wie das von Uber nur so blendend funktionieren, wenn irgendein Trottel (oder der Staat) die Grundversorgung übernimmt.

Bei UberBLACK ist in Berlin am Tag nach dem Verbot nichts los, nur ein paar UberPOP-Fahrer drehen ihre Runden.

(Bild: Screenshots)

Darüber hinaus tut sich Uber hierzulande besonders schwer: Limousinen-Charter ist in Deutschland keine allzu große Nummer. Die Zielgruppe steigt am Flughafen lieber in eine total verdreckte Taxe, als sich mit einem livrierten Chauffeur in einer dunklen S-Klasse blicken zu lassen. Auf dem Markt sind mit Blacklane und MyDriver zudem schon zwei Disruptoren aktiv, hinter denen mächtige Unternehmen wie Daimler und Sixt stehen.

UberPOP soll für Ubers Geschäftsmodell die zweite Säule sein, steht hierzulande aber auf sandigem Grund: Behörden und Gerichte sind bisher der Ansicht, dass die Vermittlung von Freizeitchauffeuren, die Kunden mit ihren Privatautos durch die Gegend kutschieren, gegen das Gesetz verstößt. Das Frankfurter Landgericht hat in seiner Verfügung die Trennlinie zu legalen Mitfahrgelegenheiten markiert: Sobald es um mehr als einen Unkostenbeitrag geht, greift das Personenbeförderungsgesetz. Damit ist Uber raus.

Das US-Unternehmen drängt mit Macht auf eine Gesetzesänderung. Und das mit Recht: Die starren Regeln in der Personenbeförderungsbranche, die zum Teil noch aus der Zeit stammen, als vor der Droschke zwei Pferde liefen, haben ein Update ins 21. Jahrhundert dringend nötig. Das Taxigewerbe braucht frische Luft und muss sich bewegen – was es dank Disruptoren wie MyTaxi auch schon macht. Fortschritt lässt sich nicht ausbremsen. Die Frage ist nur, ob man Uber dafür braucht – und wer hier eigentlich das Arschloch ist. (vbr)

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