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Technology Review

Kommentar: Der Wirtschaft fehlt nicht das Geld, sondern die Ideen

Nach der großen Steuerreform in den USA fordert auch die hiesige Wirtschaft Steuersenkungen. Dabei ist genug Geld verfügbar – die Besitzer wissen nur nicht, wie sie es investieren sollen.

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Euro-Scheine, Geld, Bargeld

Als US-Präsident Donald Trump kurz vor Weihnachten seine große Steuerreform durchbrachte, geschah hierzulande Erstaunliches. Das Entsetzen über seine Politik wich dem Lob über einen genialen Schachzug. "Trump handelt, Deutschland erstarrt", titelte die "Süddeutsche Zeitung". Das "Handelsblatt" sieht "Deutschland unter Druck".

Die Industrie warnte vor der Abwanderung deutscher Firmen nach Übersee, weil das Gesetzespaket "erhebliche Anreize" enthalte, "Konzernfunktionen und Investitionen in die USA zu verlagern", so der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Joachim Lang. Das deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW prophezeite in einer Studie kurz vor Verabschiedung der Reform einen massiv verschärften Steuerwettbewerb zwischen den USA und Deutschland.

Trump hatte eine Regelung durch den US-Senat gebracht, die unter anderem die Körperschaftsteuer von Unternehmen von 35 auf 21 Prozent senkt. In Deutschland sind zwar nur 15 Prozent Körperschaftsteuer fällig, dazu kommen jedoch rund 14 Prozent Gewerbesteuer und der Solidaritätszuschlag. Zusätzlich soll in den USA der Spitzensteuersatz von 39,6 auf 37 Prozent sinken. In Deutschland beträgt er 42 Prozent.

Die neuen Regeln könnten tatsächlich Investitionen nach Amerika ziehen. Trotzdem würde die Politik hierzulande einen Fehler begehen, zöge sie in gleicher Weise nach. Ein Dumping-Wettlauf wäre die Folge. Und er würde kein gutes Ende nehmen, weil Steuern nicht der eigentliche Grund sind, warum Unternehmen überhaupt investieren.

Ökonomen prophezeien zwar immer wieder, dass niedrige Steuern Investitionen nach sich ziehen, die Jobs schaffen und am Ende über das Wirtschaftswachstum allen zugutekommen. Doch diese alte Theorie des "Trickle Down" hat sich nie bewahrheitet. Stattdessen ist das Gegenteil passiert: Zwischen 1982 und heute, klagt sogar Investorenlegende Warren Buffett in der aktuellen Ausgabe des "Time Magazine", sei das Vermögen der laut "Forbes" 400 reichsten Menschen um das 29-Fache gestiegen. "Der Tsunami des Reichtums tropfte nicht nach unten. Er schwappte aufwärts", kritisiert Buffett.

Warum? Weil die Wirtschaft nicht nur Geld benötigt, sondern ebenso Ideen. Eine neue Fabrik allein bedeutet noch kein neues Geschäft. Dies gelingt nur, wenn die Fabrik entweder deutlich billiger produziert – oder herstellt, was es zuvor nicht gab, etwa ein bezahlbares Elektroauto. Nötig sind also neue Fertigungsverfahren, neue Technologien – oder sogar beides. Steuern spielen dabei nicht die zentrale Rolle. "Eine Investition rechnet sich für Unternehmen entweder vor Steuern oder gar nicht", sagt Analyst Marc-René Tonn von Warburg Research. Wer keine Idee hat, legt sein Geld auf die Bank, kauft Häuser, Schmuck, Kunstwerke oder teure Autos.

Genau das passiert derzeit. Wenn Apple 269 Milliarden Dollar an kurzfristig verfügbaren Finanzmitteln besitzt, dann bestimmt nicht, weil Tim Cook gern darin badet. Sondern weil das Unternehmen nicht weiß, wo es diese gewaltige Summe investieren soll. Ähnlich dürfte es Microsoft mit seinen 138 Milliarden, der Google-Mutter Alphabet mit seinen 86 Milliarden Dollar oder Facebook mit 38 Milliarden Dollar gehen.

Aber man muss gar nicht in die USA schauen. In Deutschland lagen die privaten Geldvermögen Ende 2016 bei 5765 Milliarden Euro – mehr als jemals zuvor. Und dabei sind die massiv gestiegenen Immobilienwerte noch gar nicht eingerechnet. Wie händeringend nach wertsteigernden Geldanlagen gesucht wird, zeigte nicht zuletzt die Spekulationsblase bei Bitcoin und vielen weiteren Kryptowährungen in den zurückliegenden Monaten.

Nein, die Industrieländer haben kein Geldproblem. Sie haben ein Innovationsproblem. Die Tatsache mag verwundern angesichts der stetigen Beschwörung einer disruptiven Zeit, die ganze Wirtschaftszweige gerade durchleben. Aber die Unruhe in der digitalen Transformation kommt nicht daher, dass allerorten brillante neue Geschäftsmodelle die alten ablösen. Sondern genau im Gegenteil: dass eine breite Ratlosigkeit herrscht, wie sich in Zukunft Geld verdienen lässt.

Viele Unternehmen ahnen oder wissen bereits, dass ihre bisherigen Strategien überholt sind, sei es nun im Einzelhandel, in Verlagen oder in der Energie. Aber was danach kommt, ist weit weniger klar. Ähnliches gilt für das maschinelle Lernen: Fast alle Experten sehen in dieser Dis- ziplin der künstlichen Intelligenz riesige Möglichkeiten, aber deutlich weniger von ihnen wissen derzeit, wie sich damit Geld verdienen lässt.

Wer in dieser Situation die Steuern auf breiter Front senkt, wird kaum einen Investitionsschub auslösen. Er bremst stattdessen die bitter benötigte Kreativität. Denn zum einen macht er jene nur noch reicher, die schon in der Vergangenheit nicht so recht gewusst haben, wohin mit ihrem Reichtum. Wieder sind Google oder Facebook ein gutes Beispiel: Spuren auf dem Markt der Ideen hinterlassen diese Giganten derzeit vor allem dann, wenn sie Konkurrenten aufkaufen oder einfach kopieren, ihre Monopolstellung ausnutzen – und damit den Ideenreichtum beschränken.

Mit pauschalen Steuergeschenken fehlen zudem die Mittel für eine zielgerichtete Förderung von Forschung und Innovation. Wenn also Deutschland und Europa eine Antwort auf die US-amerikanische Steuerreform suchen, dann sollten sie hier die Weichen stellen. Möglich wären beispielsweise bessere steuerliche Bedingungen für Wagniskapitalgeber und eine stärkere Förderung der Forschungsausgaben von Unternehmen. Sie sollten Ideen fördern statt Konten zu füttern. (Robert Thielicke) / (bsc)

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