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Kommentar: Ein Plädoyer für die aussätzigen Zauberer

Jede hinreichend fortgeschrittene Technik ist von Magie nicht zu unterscheiden, sagte mal Arthur C. Clarke. Das bringt ITler oftmals in die Rolle des schräg angeguckten Dorfzauberers, findet Clemens Gleich.

Ein Plädoyer für die aussätzigen Zauberer

Die Ita installieren ein neues RAID im Serverraum.

(Bild: Clemens Gleich)

Als Kind mochte ich Geschichten, in denen Zauberer vorkamen. Es war für ein Kind nur schwer verständlich, wieso die anderen Protagonisten den Zauberern grundsätzlich mit dieser latenten Feindseligkeit gegenüberstanden. Wie konnte man jemanden ablehnen, der höflich, zurückhaltend und vor allem so nützlich war? Der Zauberer war immer das notwendige Übel der Geschichte. Viele Jahre später erfuhr ich den Grund aus erster Hand, denn ich begann, in der IT zu arbeiten. Menschen hegen eine Urangst vor dem Unbekannten, Fremden, von dem es in der Informationstechnik für darin Unbedarfte große Mengen gibt.

Viele Menschen beliebiger abstrakter Intelligenzniveaus sehen auf die IT herab. "Ich baue Uhren. Etwas Echtes. Nicht *nur Software*." Die Reduzierung von Unsicherheit gehört zu den grundlegenden intellektuellen Bedürfnissen des Menschen, und es ist einfacher, rein mechanische Systeme durch Anschauung oder Anfassen zu verstehen, als sich in die größtenteils für das blanke Auge unsichtbare Struktur eines elektronischen Prozessors hineinzudenken, der Software ausführt. Für die IT, die der Uhrmacher dann doch im modernen Leben benutzt, ist er damit abhängig vom IT-Zauberer, und das gefällt ihm am allerwenigsten: Abhängigkeit von etwas Abgelehntem.

Leute, die an alten Fahrzeugen schrauben, freuen sich zum Beispiel exemplarisch über einen mechanischen Zündverteiler. Diese Geräte sind stete Quellen unangenehmer Probleme und bedürfen häufiger Wartung. Bequemere Oldtimer-Fans bauen daher gern um auf eine elektronische Zündung. Im Extremfall ersetzen sie auch die anfällige mechanische Zündwinkelverstellung durch eine Kennfeldzündung, also IT. Im Vergleich zu ihren elektromechanischen Vorgängern ist die Kennfeldzündung extrem zuverlässig; ihre Komponenten daher meistens Lebenszeitbauteile.

Dennoch bevorzugen manche ihre Zündverteiler und Fliehkraftregler, denn die können sie (zumindest in ihrer Vorstellung) selber von Grund auf selbst konstruieren. Sie brauchen damit die magisch zuverlässige schwarze Talismankiste des Zauberers nicht, und diese Selbständigkeit fühlt sich gut an. Nur sind eben derart alte, rein elektromechanische Fahrzeuge heute praktisch ausschließlich Hobbies. Ohne IT dagegen lebt heute kaum noch ein Mensch. Die kognitive Dissonanz des "nicht mögen, aber brauchen" löst der Mensch heute genauso auf wie die Protagonisten gegenüber den Zauberern der Geschichten.

Kleine silberne und schwarze Boxen auf der Rückseite des magischen Büchlein-Deck-Dichs. Was passiert in ihnen? Frag einen Zauberer.

(Bild: Clemens Gleich)

Am besten hat den Sachverhalt Neal Stephenson in seinem langsamen, sehr lesenswerten Epos "Anathem" beschrieben. Die Hauptprotagonisten leben in einer Klosterkultur der Denker. Über tausende von Jahren wurde dieser Klosterkultur der Einsatz disruptiver Technologien strikt verboten, darunter Gentechnik und IT, weil sie in der Geschichte zu Auslösern oder Beschleunigern von Katastrophen wurden. Ganz ohne IT kommt die Klosterkultur dann aber doch nicht aus. Ihre komplizierte Uhr mit der Planetenmaschine enthält IT-Bauteile, ohne die sie nicht funktionieren würde.

Die Wartung ebendieser übernehmen die "Ita", schwarz gekleidete IT-Experten, die von den Denkern der Klöster strikt getrennt leben müssen. Die Denkermönche tun im Buch dann etwas sehr Menschliches: Sie weisen den Ita, die etwas für sie Verbotenes, Fremdes tun, unbewusst üble Eigenschaften zu. Stephenson macht das explizit in einem inneren Dialog des Hauptprotagonisten, dem es scheint, als kokettiere einer der Ita mit seiner Schlechtigkeit. Wahrscheinlich können sich die meisten Experten für Digitaltechnik daher gut mit den Ita identifizieren. Man betrachte nur einmal ihre T-Shirts.

Das Resultat dieser menschlich verständlichen Verhaltensweisen ist der vielzitierte "digitale Graben" zwischen Auskennern und Verweigerern beziehungsweise Desinteressierten, der sich mittlerweile vor den tiefsten Stellen des Ozeans nicht mehr verstecken muss. Auf der einen Seite des Grabens fantasieren Journalisten von "Digital Natives", die Technik angeblich verstehen, nur weil diese Technik schon da war, als sie sozialisiert wurden. Auf der anderen Seite des Grabens stehen Beobachter, die erkennen, dass es den Digital Native der Sage nicht gibt. Kein Mensch erwirbt Wissen automatisch deshalb, weil etwas schon da ist, wenn er aufwächst. Sonst wüssten wir alle sehr viel mehr über das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

Der Digital Native der Realität dagegen beweist, dass Arthur C. Clarke recht hatte: Jede hinreichend fortgeschrittene Technik ist von Magie nicht zu unterscheiden. Heutige Jugendliche benutzen Smartphones so nebensächlich, weil sie es nicht anders kennen. Es hat bei ihnen schon immer sehr gut funktioniert. Kein junger Mensch kann sich vorstellen, wie das war, diese Windows-CE-Brocken mit einer kleinen Stricknadel zu pieksen, bis sie nach drei Minuten abstürzten. Sie haben ein elegantes iPhone, das einfach funktioniert. Als Resultat beschäftigen sie sich nicht weiter damit, WIE das funktioniert. Dafür gibt es die Ita. Für den Nutzer ist ein Smartphone de facto ein magisches Artefakt. Wenn es ein Problem gibt, bleibt nur der Zauberer, und wer weiß, was der so alles ausheckt?

Umso schöner, dass es auch eine Gegenströmung gibt. Hackerkultur war nie so en vogue wie in den letzten Jahren. Hackerspaces wollen Technik allen Interessierten näherbringen. "I fucking love science" hat unzählige Zuschauer unter Leuten, die echte Wissenschaft doof fänden, diese Form der Pop-Unterhaltung aber nicht. Wenn echte Wissenschaft das Sezieren einer menschlichen Leiche ist, dann ist IFLS ein Strip Club. "Ogling science's pretty ass" formulierte es jemand kürzlich treffend. Aber irgendwo muss das Interesse am menschlichen Körper ja anfangen. Es gibt sogar regelrechte Fans der Hackerkultur, die ohne eigene Ahnung diese Szene cool finden. Sowas wäre noch in den Achtzigern undenkbar gewesen. Wir alle erinnern uns noch an diesen Ita mit der Casio-Taschenrechneruhr. Er war nicht cool. Aber er hat hinter den Kulissen, vor denen die Coolen paradieren, die heutige Gegenwart gestaltet.

Das wohl beste Beispiel für die gestiegene Akzeptanz von Geek-Kultur bleibt die TV-Serie "Big Bang Theory". Dort geht es eigentlich um Dinge, die jeder Mensch versteht: soziale Interaktionen. Gleichzeitig jedoch stopfen die Produzenten die Szenen im Hintergrund voll mit liebevollen Details aus der Welt der Wissenschaft, die nicht peinlich, weil echt sind. Trotz ihrer klischeehaft übertriebenen Charaktere ist Big Bang Theory also zu einem Element der Verständigung zwischen der Welt der Magie und der Welt der Anwender geworden.

Und wahrscheinlich wird es wirklich am besten sein, wenn Zauberer sich oder ihre Fähigkeiten nicht verstecken, sondern in der Öffentlichkeit selbstbewusster damit umgehen. Es schadet Muggels nicht im Geringsten, wenn sie in Gesprächen gelegentlich die Grenzen ihrer Erfahrungen erkennen. Im Gegenteil tun uns allen solche Erfahrungen gut. Denn das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt der Hacker-Kultur: dass sie eine Kultur der Neugier ist. Neugierig sein. Fragen stellen. Dinge nicht nur glauben, sondern selber ausprobieren. Ist der Dorfzauberer zum Beispiel wirklich böse? Finde es heraus, und wahrscheinlich wird dich die Wahrheit mehr verblüffen als ein Artikel auf diesen Heftig.co-Nachahmerseiten, die mit "f" anfangen und mit "ocus.de" enden. (Clemens Gleich) / (axk)

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