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Kommentar: Eine Nacht in der Filterblase

Clinton vs. Trump. Der Kampf des Jahres ruft nach einem der mittlerweile seltenen nächtlichen Fernsehabenteuer, dachte sich Redakteur Andreas Wilkens. Er fand sich wieder in einer Filterblase.

Kommentar: Eine Nacht in der Filterblase

(Bild: pixabay.com)

Als Muhammad Ali den mühsamen Weg zurück zu seinem Schwergewichts-Weltmeistergürtel zu betänzeln anging, lag ich nächtens auf dem Wohnzimmerteppich in eine Kolter gewickelt vor dem Fernseher. Gefühlte eine Stunde lang vermochte es der Sportkommentator – es mag Peter Jensen gewesen sein –, einen leeren Boxring im fernen Amerika über eine wackelige Satellitenverbindung mit interessanten Wörtern zu füllen. Mehr war auf dem Bildschirm nicht zu sehen, bis die Kämpen endlich die Arena bestiegen.

Heutzutage bieten sich mir solche Gelegenheiten ähnlicher nächtlicher Fernsehabenteuer noch seltener als damals, vergangenen Dienstagabend wieder einmal. Mit dem Unterschied, dass ich nicht vorgeschlafen hatte und mein Vater mich nicht sanft aus dem Schlummer zupfte, sondern dass ich bis in den Morgen allein auf dem Sofa sitzend mit dem Kampf des Jahres, Hillary Clinton gegen Donald Trump verbrachte. Mit dem Ziel, den Sieger im Newsticker zu melden.

Die Demoskopen gingen davon aus, dass recht früh mit einer Tendenz zu rechnen sei. Sollten sich New Hampshire und Florida nicht für Trump entscheiden, könnte schon gegen 3 Uhr Clinton so gut wie als Siegerin feststehen, der Kampf ginge nicht über 12 Runden. Diese Aussicht hielt mich neben Kaffeegenusses wach – und ich war schließlich schon früh Ali-trainiert. Die Fernsehmoderatoren taten das Ihre, sie mussten aber nicht stundenlang gegen eine graue USA-Landkarte anreden, die sich langsam blau oder rot sprenkelt, sondern nutzten das komplette Reservoir modernen Fernsehens mitsamt Reportagen, Diskussionsrunden und animierten Balkengrafiken. Währenddessen hatte ich ein Auge auf das Internet, am liebsten auf die Website der Washington Post. Aber Pustekuchen, beide Bundesstaaten ließen – im Gegensatz zu anderen an der US-Ostküste – mit ihren Ergebnissen lange auf sich warten. Also würde ich wohl wie zu den beiden US-Präsidentschaftskämpfen zuvor mindestens bis 5 Uhr ausharren müssen.

Derweil hatte ich angefangen, die Meldung vorzuschreiben und die eintrudelnden Ergebnisse zu protokollieren. Den biografischen Hintergrund Clintons suchte ich nebenbei auch schnell zusammen. Doch gegen halb drei kam erste ernsthafte Skepsis an der Prognose auf, die ehemalige Außenministerin könnte mit vorzeitigem K.O. das Weiße Haus erobern. Also recherchierte ich Trumps Werdegang und hatte so zwei Versionen in der Schublade.

Wobei mir auffiel, dass die Agenturen Clintons Vita reichlich ausmalten, Trumps Leben aus ihrer Sicht aber größtenteils wie ein unbeschriebenes Blatt erschien. Nachdem sich die erdachten Vorgewissheiten Bundesstaat für Bundesstaat in Luft auflösten, konnte eine der Versionen schließlich um 8.47 Uhr online gehen. Endlich konnte ich das Notebook zuklappen und schlummern. Die Träume färbten sich rot oder blau, sie tröpfelten herein wie Zahlen aus Minnesota, Wisconsin und Arizona.

Clinton, so hatten es manche Demoskopen errechnet, könnte mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit erste US-Präsidentin werden. Nun waren die übrigen 30 Prozent eingetreten – groß war das Hallo. Neben der Suche nach der Ursache, wie so jemand wie Trump überhaupt gewählt werden könnte, wurde auch schnell danach ermittelt, wie sich die Meinungsforscher derart täuschen konnten.

Die Schürfarbeiten brachten zutage, dass nun der erste Internet-Troll US-Präsident wurde, Trump geschickt auf der Twitter-Flöte getrillert und Unwahrheiten, die er dort oder über andere Kanäle in die Welt gesetzt hatte, anscheinend ohne jegliche Konsequenz für seinen Ruf blieben. Er hatte ohnehin keinen oder einen, den wir auf dieser Seite des Atlantiks kaum verstehen können. Und jeder Versuch, seine Behauptungen mit Faktenchecks zu zerbröseln, prallte an dem von ihm zuvor schon errichteten Verschwörungsluftschloss der einseitig berichtenden Presse ab. Selbst wenn Trump-Anhänger die lesen würden, schenkten sie ihr keinen Glauben.

Die Demoskopen scheiterten mit ihren Umfragen unter anderem daran, dass sie die Wahlberechtigten nicht fragten, ob sie viel popeln, lag in einer Lore des anderen Bergwerks. Trump-Wähler wollten zwar Trump wählen, würden aber wegen angenommener mangelnder sozialer Erwünschtheit ungerne zugeben, dass sie Trump wählen. Clinton wiederum erbrachte die Opportunität, für sie zu wählen, ein Umfragehoch nach dem anderen. Diese Umfragewerte könnten potenzielle Trump-Wähler erst noch mobilisiert haben.

Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich fein wie immer ins Bett gegangen, hätte um 7 Uhr den Computer angeknipst und hätte in aller Ruhe und ausgeschlafen die Wahlmeldung schreiben können. Natürlich hätte ich mir auch selbst vorher solche Gedanken machen können. Aber die Grafik mit der blauen Linie Clintons, die immerzu über der roten Trumps schwebte, hatte sich wohl in meinen Kopf gebrannt. Die Prognosen hatten mir die Aussicht auf eine kurze Wahlnacht imaginiert – hinzu kam noch meine Hoffnung, mit Clinton möge jenseits des Atlantiks im Groben alles beim Alten bleiben. Nun haben wir Ungewissheit und selbst der Vatikan lässt Sorgen durchblicken.

Die Schürfarbeiten nach den Ursachen des Trump-Siegs gingen derweil weiter, schließlich wurden Schuldige aus der Grube gezogen: Facebook und Twitter. Die beiden erzeugten eine "Filterblase", ihre Algorithmen sorgten dafür, dass Nutzer nur Nachrichten zu sehen bekommen, die zu ihren Ansichten passen. Das habe Trumps Wahlsieg erst möglich gemacht. Auch habe Facebook zu wenig gegen die Ausbreitung eindeutig falscher Nachrichten unternommen.

Mag ja sein. Ob aber in der gedruckten oder virtuellen Presse oder in Fernsehdiskussionen: Die Befürworter der Filterblasen-Theorie wandten diese immer nur auf die anderen an, die imaginären Trump-Wähler. Die Trumper ließen sich ohne Wenn und Aber blenden, weitere Motive für ihr Wahlkreuz blieben kaum erwähnt. Ja, auch ich war in Diskussionen immer gerne mit dem Einwurf zur Stelle, ohne Facebook wären AfD und Pegida so nicht möglich. Und Trump erst recht nicht.

Dabei dachte immer, davor gefeit zu sein, in einem homogenen Meinungszirkel zu wohnen, in dem ich vielleicht mal anecken könnte, der mich aber meist selbst bestätigt. In der Wohnstraße, in der Grundschule, als Ministrant, im Fußballverein, mit Mitschülern, Glaubensgenossen und Spielkameraden unterschiedlichster Herkunft aufgewachsen, mochte ich mich zu sehr darauf verlassen zu haben, dass die vielen Einflüsse aus vielen Regionen aus mir einen Weltbürger machen könnten.

Aber nun habe ich sie gespürt, meine eigene Filterblase. Facebook, Twitter? Sie wird auch anderswo erzeugt. Ich hoffe, meine hat sich Mittwochfrüh überdehnt. (anw)

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