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Kommentar: Erstschlag Apple

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1.049.343.540 US-Dollar. Dass die Geschworenen in dem Aufsehen erregenden US-Patentprozess zwischen Apple und Samsung sich so schnell einigen würden, hatte kaum jemand erwartet - noch weniger aber diese Zahl, zu der die Jury in ihrer Beratung gekommen war. Eine Milliarde ist auch für Samsung kein Pappenstiel. Schon haben die Koreaner Berufung angekündigt. Auch sonst kann noch allerhand passieren, bis es eine endgültig rechtskräftige Entscheidung gibt.

Wie auch immer die ausfällt: Der Spruch der kalifornischen Jury wird die Kräfteverhältnisse auf dem Smartphonemarkt verschieben. Samsung wird das Urteil verkraften. Die eigentlichen Verlierer sind Android, Google und Hersteller wie HTC, die selbst nicht über ein nennenswertes Patentportfolio verfügen. Apple hat die Oberhand behalten, doch am Ende könnte ein von vielen schon abgeschriebener Underdog als strahlender Sieger aus der Sache hervorgehen: Microsoft.

Alles eine Frage der Patente: Natürlich zeigt das irrwitzige Verfahren in Kalifornien auch, wie kaputt das globale Patentsystem ist. Samsung merkt nicht ganz zu Unrecht süffisant an, das Urteil beschere Apple ein Monopol auf Rechtecke mit abgerundeten Ecken. Doch lässt sich sowas auf dem Weg durch die Instanzen ausbügeln. Abgerundete Ecken sind nicht das Problem, es geht um die Software.

Jahrelang haben die Branchenriesen ihre Arsenale hochgerüstet, zum Teil mit Trivialstpatenten. Auch Samsung nennt übrigens ein ansehnliches Patentportfolio sein eigen. Es herrschte Ruhe, solange das Prinzip der Abschreckung wirkte: Keiner traute sich, den Erstschlag zu führen. Alle haben munter voneinander abgekupfert und es Innovation genannt.

2007 trat Apple mit dem iPhone an und der etwas behäbig gewordenen Mobilfunkbranche kräftig in den Hintern. Bei Nokia haben sie zuerst noch gelacht. Ein paar Jahre später sind die Finnen bei den Erfolgsgeschichten der anderen nur noch Zuschauer. Apple hat mit iPhone und iPad allen gezeigt, wie es geht, und mit iOS das erste Touch-Betriebssystem vorgelegt, das diesen Namen verdient.

Trotz dieser tektonischen Verschiebungen auf dem Markt blieb die Balance of Power gewahrt. Bis Google mit Android ein vergleichbar brauchbares System herausbrachte und Samsung die Gunst der Stunde nutzen konnte, sich zum Marktführer aufzuschwingen. Das war für den inzwischen verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs der Anlass, die Konkurrenz mit einem "thermonuklearen Krieg" zu überziehen.

"Wenn es sein muss, werde ich meinen letzten Atemzug dafür verwenden, und jeden Penny von Apples 40 Milliarden Dollar bei der Bank, um dieses Unrecht zu korrigieren. Ich werde Android vernichten, weil es ein gestohlenes Produkt ist", zitiert Jobs-Biograf Walter Isaacson den ehemaligen Apple-Chef in seinem Buch. "Ich werde einen Atomkrieg dagegen führen." Die erste Schlacht in diesem Krieg gewann nun Apple. Getroffen hat es Samsung, gemeint war Google.

Google hat sich mit der Übernahme von Traditionshersteller Motorola ein umfangreiches Patentarsenal angeeignet und bringt es zur Abschreckung in Stellung. Die Google-Tochter schreckt dabei nicht davor zurück, gegen Branchenkonventionen zu verstoßen und standardrelevante Patente ins Feld zu führen. Das sollte auch dem letzten Android-Fanboy klarmachen, dass "Don't be evil" gestern war. Google kämpft mit Macht und allen Tricks um den Kuchen, von dem sich Android seit seiner Markteinführung vor vier Jahren schon ein Riesenstück genommen hat.

Googles knappe Einlassung, die Entscheidung betreffe den Kern von Android in weiten Teilen nicht, und der fast trotzige Hinweis, jeder in der Branche baue "auf Jahrzehnte alten Ideen" auf, können das in Mountain View herrschende Knalltrauma kaum kaschieren. Das Votum der kalifornischen Jury trifft den Androiden ins Mark. Es sendet ein klares Signal an die Hersteller: Android ist unsicher und kann euch teuer zu stehen kommen.

Und da kommt Microsoft wieder ins Spiel. Die Redmonder haben auch ein brauchbares Smartphone-Betriebssystem, mit dem sie derzeit aber keinen Blumentopf gewinnen. Das könnte sich ändern. Denn Microsoft, selbst einer der Patent-Dinos, hat darüber hinaus etwas zu bieten: Rechtssicherheit. Windows Phone kommt zu für den Hersteller kalkulierbaren Kosten, Drittpatente hat Microsoft im Vorfeld geklärt. Das könnte sich im Wettbewerb der "Ökosysteme" noch als Pfund herausstellen.

Vielleicht behalten die Auguren sogar Recht, und Windows Phone hat in ein paar Jahren wieder einen Marktanteil von 20 Prozent. Der große Verlierer wird dann aber nicht Apple heißen, sondern Android.

Zum Urteil im Design- und Patentprozess Apple vs. Samsung siehe:

(vbr)