Kommentar: Facebook, der selbsternannte Katastrophenhelfer

Facebook unterzieht nach dem mutmaßlichen Anschlag Nutzer in und um Berlin einem Sicherheitscheck. Das bauscht die Tat auf zynische Weise auf und spielt den Populisten von AfD und Pegida in die Hände, findet c't-Redakteur André Kramer.

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Facebook, der selbsternannte Katastrophenhelfer

Mit Angst regieren: Je mehr Nutzer potenzieller Opfer sind, desto nützlicher ist der Sicherheitscheck für Facebook.

Von
  • André Kramer

Zwölf unschuldige Menschen fanden bisher den Tod nach der Schreckenstat auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Das ist eine schreckliche Bilanz, in Berlin leben aber 3,5 Millionen Menschen, Touristen nicht mitgerechnet. Zu suggerieren, dass der gesamte Großraum Berlin plötzlich unsicher ist, wirkt überzogen und zynisch.

Ein Kommentar von André Kramer

André Kramer studierte Germanistik, Geschichte und Politik in Hannover und ist seit 2004 Redakteur bei c't. Aktuell berichtet er hauptsächlich über Foto- und Bildbearbeitung sowie mobile Software.

In das Feuerwerk der Push-Nachrichten auf dem Smartphone reiht sich Facebook mit Meldungen zur "Sicherheit" von "Freunden in dem Gebiet". Dabei zeichnet der "Facebook Safety Check" einen großzügigen Radius von etwa zwölf Kilometern um den Tatort und teilt alle Nutzer in diesem Gebiet in "Sicher" und "Nicht gekennzeichnet" ein.

Das perfide daran: Nur solche Nutzer gelten als sicher, die ihren Status derart gekennzeichnet haben. Man kann den Sicherheitsstatus von Freunden selbstverständlich abfragen. Der Check baut für "nicht gekennzeichnete" Nutzer aber sozialen Druck auf, sich der Sicherheitskontrolle Facebooks zu unterziehen und zu quittieren, dass man weder tot noch verletzt ist. Aussagen wie "Lasst mich in Ruhe, ich bin im Urlaub", sprechen eine deutliche Sprache.

Je mehr Leute das Gefühl haben, dass sie ohne Facebook das echte Leben verpassen, indem sie Partyeinladungen und Veranstaltungen versäumen, desto besser für Facebook. Auch Angst kann dabei helfen. Der Sicherheitscheck ist ein weiteres Instrument, mit dem Facebook sich als unverzichtbar inszeniert.

Zuerst sprach Facebook von einem "Anschlag", dann von einer "Gewalttat", nun von einem "Vorfall".

Offenbar erkannte man bei Facebook selbst die aufbauschende Wirkung dieses Sicherheitschecks. Zunächst schlug Facebook einen scharfen Ton an und sprach noch vor gesicherten Informationen seitens der Massenmedien von einem "Anschlag", kurz darauf wurde daraus eine "Gewalttat", später ein "Vorfall" und mittlerweile spricht Facebook von einem "Angriff".

Immerhin blendet die Seite des Sicherheitscheck keine Werbung ein, wohl aber der reguläre Feed, in dem die Angaben zur Sicherheit auftauchen. Facebooks einziger Zweck ist es schließlich, Geld zu verdienen.

Nach dem Erstarken populistischer Kräfte und dem Rechtsruck im weltpolitischen Klima hat sich gezeigt, wie immens der Einfluss Facebooks in der Medienlandschaft mittlerweile ist. Bei einer Tat, die 12 Todesopfer gefordert hat, 3,5 Millionen Berliner Bürger als mögliche Opfer einzustufen, gießt unnötig Öl ins Feuer derer, die das Ereignis nutzen wollen, um Hass und Angst zu schüren. (akr)