Kommentar: Facebooks Krise geht ans Fundament

Facebook ereilt ein Skandal nach dem anderen. Behörden und Parlamente wachen auf, manch User zieht weiter. Die größte Gefahr kommt aber aus einer anderen Ecke.

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Ein Job bei Facebook steht nicht mehr so hoch im Kurs wie einst.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

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  • Daniel AJ Sokolov
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Wer die Facebook-Skandalserie nicht kennt, war wohl im Koma: Da waren etwa Cambridge Analytica, Fake News, Myanmar, unlautere Wahlbeeinflussung, dass diese Vorgänge unter den Teppich gekehrt wurden, antisemitische Schmierfink-Kampagnen gegen Kritiker, Rassismusvorwürfe, Ansätze zum Verkauf von Nutzerdaten und ein Riesenhack, bei dem Userdaten gratis in falsche Hände gerieten. Das weckt Gesetzgeber und Behörden auf.

Waren die Anhörungen im US-Kongress noch bemühtes Prozedere, geht es in Großbritannien nun härter zur Sache. In der EU laufen neue Datenschutzverfahren gegen Facebook und es droht ein nachhaltiger Griff in den Geldbeutel: Unpopuläre Milliardenkonzerne sind ein gutes Vehikel für die Einführung neuer Steuern. Doch auch in den USA wird inzwischen über ein Datenschutzgesetz nach europäischem Vorbild diskutiert. Vor zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen.

Über die Facebook-Anhörungen im US-Kongress

Mark Zuckerberg bei seiner Aussage vor zwei Ausschüssen des US-Senats

(Bild: Screenshot)

Lesen Sie über das Facebook-Hearing im US Senate

Sowie über das Hearing im US Congress:

All das muss Facebooks Führungsduo Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg mehr als nur Sorgenfalten ins Gesicht treiben. Doch das viel größere Risiko für Facebook lauert in den Grundlagen des Erfolgs.

Ein Kommentar von Daniel AJ Sokolov

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Daniel AJ Sokolov

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Daniel AJ Sokolov schreibt seit 2002 für heise online, anfangs aus Wien. Seit 2012 versucht er als Nordamerika-Korrespondent von heise online, Kanadier und US-Amerikaner zu verstehen und ihr Wesen begreiflich zu machen.

Um weiter Milliarden zu scheffeln, braucht Facebook User, die anderswo Geld ausgeben, Werbekunden, die diese User ansprechen möchten, und die Systeme, um diese beiden Gruppen virtuell zu vernetzen. Diese Systeme werden von Menschen gestrickt – Facebooks Mitarbeitern.

Facebooks Problem ist, dass es an allen drei Tragsäulen zu gären begonnen hat. In Europa sind die Userzahlen rückläufig, in Nordamerika stagnieren sie. Kurzfristig ist das kein Problem, weil Facebook mit den verbliebenen Werberezipienten immer mehr umsetzt.

In anderen Erdteilen geht das Userwachstum weiter, allerdings bringen diese Nutzer wenig ein. Unter anderem weil die Kaufkraft geringer ist, womit die Werbung billiger sein muss. Im Bereich Facebooks Nutzungsintensität wird es erst dann richtig gefährlich, wenn es in Nordamerika und Europa zu einer Fluchtwelle der Nutzer kommt, bevor Facebook es schafft, mehr Geld mit Usern in anderen Erdteilen zu machen.

Vorbehalte von Werbekunden wirken sich hingegen unmittelbar auf die Einnahmen Facebooks aus. Nennenswerte andere Einnahmequellen hat der Konzern ja keine. Nun verhält es sich so, dass die Markenfirmen mit den großen Werbebudgets sehr auf ihr Image bedacht sind. Sie haben enden wollendes Interesse, ihre Werbung neben Fake News und anderem Schund zu sehen. Und sie wollen nicht mit einer fremden, als amoralisch erachteten Marke in Verbindung gebracht werden.

Facebook ist dabei, in diese Kategorie abzurutschen. Ja, auch das wird von Marktforschern erhoben. Wie Fortune herausgefunden hat, vertrauen nur noch 22 Prozent der US-Verbraucher Facebook. Damit spielt Zuckerbergs Konzern nicht mehr in der gleichen Liga wie Amazon (49%), Google (41%), Microsoft (40%) und Apple (39%). Und während sich deren Image in den vergangenen sechs Monaten verbessert hat, ist Facebooks Image im freien Fall.

Zuckerberg selbst genießt zwar noch das Vertrauen einer Mehrheit, liegt laut der Umfrage aber deutlich hinter den Chefs der vier anderen IT-Konzerne. Als die New York Times (NYT) dann berichtete, dass Zuckerberg und Sandberg das Konzernwachstum grundsätzlich über die Interessen ihrer Werbekunden gestellt haben, platzte mehreren großen Werbetreibern der Kragen.

"Jetzt wissen wir, dass Facebook alles tun wird, um Geld zu machen", sagte etwa Publicis-Manager Rishad Tobaccowala zur NYT, "Der Konzern hat überhaupt keine Moral." Lange Zeit nahmen die Werbekunden Facebook die Opfermiene ab. Damit ist nun Schluss. Unilevers Marketingchef Keith Weed hatte bereits im Februar angekündigt, nicht auf Plattformen werben zu wollen, die die Gesellschaft spalten und "Ärger oder Hass" verbreiten. Folgen auf solche Worte Taten, ist das eine richtig schlechte Nachricht für Facebook.

In der dritten Säule, den Mitarbeitern, gärt es am stärksten. Auffallend war eine Reihe prominenter Kündigungen, vom Sicherheitschef über den Kommunikationschef bis zu den Gründern von Instagram und Whatsapp. Zuckerberg sah sich sogar schon genötigt, seiner rechten Hand Sandberg die Mauer zu machen. Er wolle noch "Jahrzehnte" mit ihr zusammenarbeiten. Der nächste Schritt wäre wohl eine "Umstrukturierung" ihres Aufgabenbereichs.

Doch die interne Krise geht viel tiefer als die Schicht der Millionäre und Milliardäre an der Spitze. Unter den großen IT-Konzernen der USA galt die Facebook-Belegschaft als besonders eingeschworen. Auch wenn sie intern diskutiert und kritisiert hat, machte sie nach außen die Mauer. Diese Mauer hält dem Druck aber nicht mehr Stand.

Regelmäßig dringen peinliche Interna nach außen, Dokumente und Kritik werden öffentlich gemacht. Facebook-Insider sind gesprächig wie nie. So konnte Bloomberg für einen Artikel acht Insider interviewen, die NYT sogar mehr als 50. Vielleicht auch weil der Kurs der Facebook-Aktien deutlich gesunken ist: Aktien(optionen), die das Gehalt auffetten, sind weniger wert. Damit haben auskunftsfreudige Mitarbeiter weniger zu verlieren.

Inzwischen ist sogar bestätigt, dass sich Sandberg um ihren Arbeitsplatz sorgt. War sie lange Zeit eine gefeierte Frauen-Ikone, bekommt sie in US-Medien nun ihr Fett ab. Ein Sandberg-kritischer Kommentar, wie ihn die NYT vergangene Woche publiziert hat, wäre noch vor einem Jahr als skandalöser anti-feministischer Affront mit Schimpf und Schande bedeckt worden.

Wie sich die Kündigungsraten in der Facebook-Belegschaft entwickeln, ist (noch?) nicht öffentlich bekannt. Rosig kann die Statistik aber nicht aussehen. Die Moral ist angeknackst. Eine (ebenfalls durchgesickerte) interne Erhebung Facebooks muss für die Konzernführung alarmierend sein: Nur noch jeder zweite Mitarbeiter ist optimistisch für die Zukunft des Unternehmens. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 84 Prozent.

Ebenfalls nur gut die Hälfte glaubt, dass Facebook die Welt verbessere. Vor einem Jahr waren es noch fast drei Viertel. Facebooks Personalabteilung soll inzwischen davon ausgehen, dass neue Mitarbeiter im Schnitt nicht einmal vier Jahre bei der Stange bleiben. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sich die im Silicon Valley besonders begehrten Informatikstudenten nicht mehr so um Facebook-Jobs reißen wie früher.

Besonderen Aufruhr in der Belegschaft gab es, als bekannt wurde, dass eine von Facebook beauftragte republikanische PR-Firma eine antisemitische Kampagne gegen den Facebook-Kritiker George Soros gefahren hatte. Facebooks (ebenfalls gegangener) PR-Chef Elliot Schrage wandte sich daraufhin schriftlich an die Mitarbeiter. Das Schreiben wurde wenig später bewusst veröffentlicht.

"Für viele Leute quer durch die Firma ist es ungemütlich, (über den Skandal) am Arbeitsplatz zu erfahren. Viele Leute im PR-Team fühlen sich angegriffen von der Presse und sogar von ihren Kollegen", schrieb Schrage in seinem Rundbrief. "Ich bin schwer enttäuscht, dass so viel interne Diskussion und Anschuldigungen öffentlich geworden sind. Das ist eine ernste Bedrohung für unsere Kultur und die Möglichkeit, in schwierigen Zeiten zusammenzuarbeiten."

Die Serie ungewollter Veröffentlichungen hat sogar Firmenmitgründer Zuckerberg dazu veranlasst, jenen mit Entlassung zu drohen, die mit Journalisten sprechen. Offenbar hat der Milliardär noch mehr zu verbergen. (ds)