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Kommentar: Fußgänger auf die Fahrbahn!

In den Städten ist es schon reichlich eng. Jetzt sollen auch noch E-Scooter hinzukommen. heise-online-Redakteur Andreas Wilkens hat dazu eine Idee.

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(Bild: adfc-nrw.de)

Scheuer will nun doch nicht, dass E-Scooter auf Gehwegen herumrollen, auch wenn sie weniger als 12 km/h schnell sind. Die Länder und Versicherer haben wohl zu laut gestänkert, E-Scooter sollen also bald wie Radfahrer auf Radwegen fahren. Schon setzt wieder Gemaule ein, schließlich gebe es nicht überall Radwege und falls doch, dann seien sie in einem jämmerlichen Zustand. Außerdem seien die Radwege schon reichlich befüllt und die lahmere Sorte der E-Scooter hielte den Verkehr auf. Schaut doch ins Ausland, heißt es dann – äh, also jetzt nicht nach Österreich oder Frankreich –, das zeigt doch, dass die Elektrodinger problemlos auch auf Gehwegen und überhaupt überall fahren können. Warum muss in Deutschland immer alles komplex reglementiert werden?

In der Stadt bin ich passionierter Fußgänger. Der beräderte Individualverkehr missfällt mir immer mehr. Mit dem Auto fahre ich nur dann, wenn wirklich nichts anderes möglich ist, also vielleicht zweimal im Jahr. Mit dem Auto habe ich schlichtweg zu wenig Freiheit in der Fortbewegung, auf den Fahrbahnen wird es immer enger, von A nach B komme ich mit anderen Verkehrsmitteln oder gar zu Fuß in der Stadt schneller.

Andreas Wilkens

kommt aus den Kulturwissenschaften, wurde frühzeitig in seinem Studium mit Computern konfrontiert – als Arbeitsmittel und Verdienstmöglichkeit. Er kümmert sich im Newsroom von heise online um die Nachrichten aus der IT-Welt und bewegt sich gerne zu Fuß fort.

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Mit dem Rad fahre ich auch ungerne. Ich benutze es nur, wenn es nicht anders geht oder wenn ich aus romantischen Gründen zu einer Landpartie überzeugt werde. Das liegt nun nicht unbedingt an aggressiven Autofahrern und möglicherweise ebenso veranlagten Radfahrern und holprigen Wegen, sondern vor allem daran, dass mir Entschleunigung gut tut. Ich richte es mir immer so ein, dass ich es nicht eilig habe oder ich benutze die öffentlichen Verkehrsmittel. In denen kann ich ein Buch lesen.

Das könnte meinen ökologischen Fußabdruck schmälern, hauptsächlich will ich aber in meiner Umwelt mehr wahrnehmen können, all die Kleinigkeiten, die links, rechts, unten und oben für alle Menschen unsichtbar sind, die sich schneller als 5 km/h bewegen. Für meinerlei gibt es an der Universität Kassel sogar einen Studiengang, den für Promenadologie. In der Selbstbeschreibung dort heißt es: "Ein Spaziergang ist eine Perlenschnur, die von einem bemerkenswerten Ort – den Perlen – zum nächsten führt. Auf den neutralen Strecken dazwischen überlegt man sich, wie wohl der nächste bemerkenswerte Ort aussehen werde." Abgesehen davon, dass für mich keine "neutralen Strecken" existieren, treffend beschrieben.

Achtsamkeit trainieren tut gut und ist nützlich, desgleichen gilt für die Aufmerksamkeit, zumal ich auf dem Gehweg nicht nur die dort üblichen Objekte besser betrachten kann, sondern auch immer mehr Radfahrern ausweichen muss. Damit meine ich nicht die kleinen Kinder, die dort schon immer waren und auch sein dürfen und mich mit ihrer Ente am Lenker anpiepsen und im Vorbeifahren "Danke schön" sagen, nein, es gibt immer mehr Erwachsene, die ohne Kinderbegleitung auf dem Gehweg radeln und mich von hinten anrüpeln, wenn sie meinen, dass ich ihnen schon viel zu lange den Weg versperre. Wohlgemerkt auf dem Fußweg. Neulich überholte mich dort eine Gelbweste so knapp, dass ich sie mit einer kleinen Drehung oder auch nur einer minimalen Ellbogenspreizung vom Rad geholt hätte. Auf der Weste war hinten symbolisiert, Autos mögen 1,5 m Abstand halten.

Mir ist schon länger aufgefallen, dass Tugenden, die das Miteinander der Menschen unkomplizierter, höflicher, freundlicher, mit einem Wort angenehmer machen, auszusterben drohen. Wer schaut an der Kaufhaustür nach, ob noch jemand hinter ihm hineingehen möchte und hält diesem Menschen die Tür auf? Wer wartet an der U-Bahn, bis alle ausgestiegen sind, bevor er selbst hineingeht? Wer sagt noch "Bitte" und "Danke" zur Verkäuferin und lächelt womöglich dabei? Vor ein paar Wochen sagte ein Schaffner im ICE zu mir: "Ich mache das jetzt seit vielen Jahren, aber Sie sind der erste Kunde mit einer Bahncard 100, der mir einen guten Tag wünscht." Benimmregeln scheinen also entweder in Vergessenheit oder zu einem Beiwerk der lästigen Weicheier und Gutmenschen zu geraten.

Auf der Fahrbahn sollte das aber noch anders sein, dort wacht Vater Staat streng über die Einhaltung der StVO, und wer sich mit ihr nicht vertraut gemacht hat, darf nicht motorisiert dorthin. Und während ich dies schreibe, berichtet das Radio, "nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes im Jahr 2007 wurde deutschlandweit noch rund 689.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren eine Fahrerlaubnis erteilt, 2017 nur noch rund 345.000". Sie fahren also weniger mit dem Auto, sondern radeln womöglich immer mehr ahnungslos an diesen seltsamen runden blauen Schildern mit der Frau und dem Kind drauf vorbei.

Was Unken angesichts der möglichen E-Scooter-Invasion für den Radweg befürchten, ist auf dem Gehweg also längst passiert. Darum plädiere ich dafür, die Elektroroller einfach auch dort fahren zu lassen, so wie es Radfahrer längst tun. Der Fußgänger könnte derweil auf die ramponierten Radwege ausweichen, denn dort müsste es nun wesentlich luftiger zugehen. Durch Baumwurzeln und anderes Gemach aufgeworfene Steine sowie Schlaglöcher im Asphalt dürften ihm weniger ausmachen als dem Steiß des radelnden Verkehrsgenossen.

Und wenn da mal kein Radweg ist oder abrupt aufhört, sollen die Flaneure auf der Fahrbahn schlendern. Dort können sie wenigstens damit rechnen, dass sich in den Pkw, in den Lkw und auf den Motorrädern überwiegend Menschen mit schriftlichem Nachweis über die Kenntnis von Verkehrsregeln fortbewegen – wenn sie nicht gerade im Stau stehen. (anw)