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Technology Review

Kommentar: Gebt Gas! Von der Mobilität der Zukunft

Erdgas könnte den Verkehr sofort sauberer und klimaschonender machen. Leider haben Politik und Industrie bisher kein Interesse an dem Treibstoff.

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Die Zahl der Erdgas-Tankstellen stagniert in Deutschland seit Jahren bei unter tausend.

(Bild: Shutterstock)

Elektromobilität ist mit Sicherheit die Zukunft, erst recht, wenn der Strommix im Netz irgendwann fast ausschließlich aus erneuerbaren Energien, allen voran Windkraft und Photovoltaik, stammen wird. Denn ihren Strom in Akkus zu speichern und mit einem Elektromotor in Bewegungsenergie umzuwandeln, ist die effizienteste Art, sie zu nutzen. Der Wirkungsgrad eines Elektroautos liegt bei 70 bis 80 Prozent im Gegensatz zu 20 bis 25 eines Autos mit Verbrennungsmotor.

Ein Kommentar von Karsten Schäfer

Karsten Schäfer, TR-Redakteur, fährt Fahrrad, Bahn und seit zehn Jahren ein Auto mit Autogas.

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TR 5/2019

Technology Review Mai 2019

(Bild:  )

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Doch so weit ist es noch nicht. Der Anteil der erneuerbaren Energien im Netz liegt bei gerade einmal 40 Prozent. Der Rest ist vor allem dreckiger Kohlestrom. Je nach Energieverbrauch eines Elektroautos kann seine Klimabilanz beim aktuellen Strommix nur wenig besser ausfallen als bei einem Verbrenner. Außerdem haben die deutschen Autofahrer Vorbehalte gegen das Elektroauto. Um die Umwelt- und Klimabilanz des Verkehrs möglichst zügig zu verbessern, sind Elektroautos also eher ungeeignet.

Es gibt allerdings einen alternativen Kraftstoff, der sehr sauber verbrennt, schon lange erprobt ist und die Klimabilanz des Verkehrs entscheidend verbessern kann: Erdgas oder Bio-Erdgas. Erdgasfahrzeuge gibt es schon seit den 1930er-Jahren, aber erst in den 90ern stieg ihre Zahl an. Allen voran in Ländern, die vom Erdöl unabhängiger werden wollten, aber auch in Deutschland, wo das einsetzende Umweltbewusstsein zu Steuererleichterungen führte. 2015 erreichte die Zahl der zugelassenen Erdgas-Pkw mit 81.423 allerdings seinen Höchststand. 2018 waren es nur noch 75.459 – von 46,5 Millionen insgesamt in Deutschland zugelassenen Autos. Das sind 0,16 Prozent. Grund für die verschwindend geringe Zahl dürfte die halbherzige Förderung der Antriebsart und die dementsprechend geringe Zahl an Automodellen und Tankstellen sein.

Dabei hat Erdgas als Treibstoff enorme Vorteile. Schon rein fossiles Erdgas senkt die Kohlendioxidemissionen von Benzinmotoren um 25 Prozent, im Vergleich zum Diesel ist es etwas weniger. Bei der Verbrennung entstehen 96 Prozent weniger Stickoxide als beim Diesel und fast kein Feinstaub. Würden bestehende Benzinmotoren auf den Betrieb mit Erdgas optimiert, wären die Vorteile noch größer. Forscher rechnen mit bis zu 33 Prozent weniger Kohlendioxidemissionen – bei mehr Fahrspaß: Erdgasautos dürften rund 60 Prozent mehr Drehmoment im unteren Drehzahlbereich erreichen. Zudem sind mit Erdgas betriebene Motoren bis zu 50 Prozent leiser.

Die Vorteile werden sogar noch größer, wenn das Methan aus Biogas gewonnen wird. Damit lassen sich die CO2-Emissionen um bis zu 97 Prozent senken. Allerdings kommt es auf das Herstellungsverfahren von Bio-Erdgas an. Theoretisch lassen sich 414 Terawattstunden (TWh) des deutschen Erdgasverbrauchs mit sogenanntem grünen Erdgas decken, so eine aktuelle Studie des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Das wären knapp 45 Prozent des gesamten Verbrauchs im Jahr 2016.

Biogas aus Energiepflanzen wie Mais dient dem Klima allerdings kaum und steht außerdem in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Auch synthetisches Methan aus Power-to-Gas-Anlagen macht nur dann Sinn, wenn die Anlagen mit überschüssigem Strom betrieben werden, der nicht in Akkus gespeichert werden kann – etwa wenn Erneuerbare-Energien-Anlagen nicht einspeisen können, weil die Netzkapazität nicht ausreicht. Denn die Umwandlungsverluste sind extrem hoch. Bleiben laut der Studie 140 TWh aus ökologisch sinnvollen biologischen Abfall- und Reststoffen.

Weiterer Vorteil von Erdgas und Bio-Erdgas als Kraftstoff: Die Infrastruktur ist vorhanden. Deutschland verfügt über ein weit ausgebautes Gasnetz. Ganz im Gegensatz zu einer Infrastruktur für Wasserstoff, von dem immer noch viele als Heilsbringer aller Klima- und Umweltprobleme träumen.

Und Erdgas kann auch den Schwerverkehr umweltfreundlicher machen. Während die Klimabilanz für mit Flüssigerdgas (LNG – Liquified Natural Gas) angetriebene Lkw noch nicht eindeutig geklärt ist, sieht das für komprimiertes Erdgas (CNG – Compressed Natural Gas) schon besser aus. Damit können Lkw im Dual-Fuel-Betrieb 60 bis 80 Prozent Diesel sparen und stattdessen CNG verbrennen.

Erdgas ist also sauberer als erdölbasierter Kraftstoff und lässt sich mit relativ geringem Aufwand in herkömmlichen Verbrennungsmotoren einsetzen. So ließe sich schnell etwas für saubere Luft in den Städten und die Einhaltung der Klimaziele tun. Dennoch haben sich Industrie und Politik bisher kaum für diesen Treibstoff interessiert. Vielleicht, weil er nicht gut zu dem einst so geliebten Dieselmotor passt.

Der Kommentar stammt aus der aktuellen Ausgabe von Technology Review (jetzt im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich).

(jle)