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Kommentar: Geburtstagswünsche an Android

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Das Mobilbetriebssystem Android hat einen bemerkenswerten Start hingelegt. Seit dem Erscheinen in Deutschland vor einem Jahr hat es den etablierten Konkurrenten nennenswert Marktanteile abringen können, nach Ansicht einiger Analysten wird Android 2013 bei den Betriebssystemen sogar Platz zwei einnehmen. Beim Funktionsumfang kommt es noch nicht ganz an die etablierten Mobil-Betriebssysteme heran. Die Wunschliste ist zwar nicht unendlich lang, doch zwei Dinge stören derzeit besonders: Betriebssystem-Updates und Probleme beim Zugang zum Android-Market.

Androids Offenheit sorgt vor allem bei Entwicklern für Bewegung: Sie programmieren nicht nur Anwendungen, sondern basteln auch am System selbst herum. Besonders die im XDA-Developers-Forum aktiven Entwickler tun sich dabei hervor, aus diesem Kreis stammen etwa die Custom-ROMs von CyanogenMod.

Bei Weiterentwicklungen des Systems sind diese Entwickler häufig schneller und erfolgreicher als die Hersteller selbst. Diese agieren bei Aktualisierungen der bereits verkauften Modelle nicht vornehmlich im Sinne der Kunden: So müssen Nutzer des seit mehr als einem halben Jahr erhältlichen Samsung Galaxy i7500 immer noch mit der veralteten Version 1.5 arbeiten, auch für das HTC Hero gibt es noch kein Update. HTC arbeitet nach eigenen Angaben bereits seit längerer Zeit an einer Aktualisierung des Heros, auch das Tattoo soll die Version 2.1 erhalten. Doch dauert dies vielen Kunden zu lange. HTC versteckt sich hinter der Begründung, dass man für die Anpassung der eigenen Bedienoberfläche Sense eben mehr Zeit benötige – ein Update wird nun für März erwartet. Doch für das Magic brachte HTC in der vergangenen Woche eine neue Firmware-Version heraus, und zwar mit Sense. Dieses steht jedoch nicht allen Kunden zur Verfügung; wer sein HTC Magic bei Vodafone erworben hat, hat laut Aktualisierungsservice immer noch "die aktuelle Version". Von Vodafone gebrandete Geräte bleiben also weiterhin "Google Experience Devices" – Geräte, auf denen das originale Google-Betriebssystem ohne Hersteller-Erweiterungen läuft.

Immerhin: Das Magic enthält genügend internen Speicher für ein Update. Lediglich das erste Android-Smartphone, das T-Mobile G1, war mit mageren 256 MB Flash-Speicher ausgestattet, alle nachfolgenden Modelle enthalten mindestens die doppelte Menge. Die Entwickler haben diesen Speicher partitioniert – ein Teil für das System, ein Teil als Cache für Updates und ein Teil für Anwendungen. Auch dies bleibt bislang ein Kritikpunkt: Anwendungen müssen zwangsweise im internen Speicher installiert werden, egal, wieviel Platz auf der microSD-Karte frei ist. Der Hintergrund dafür liegt in der möglichen unerlaubten Vervielfältigung gekaufter Anwendungen.

Die nur 70 MByte große Systempartition des G1 führte dann vor einigen Monaten auch schon zu Spekulationen, dass es für das Gerät keine weiteren Aktualisierungen mehr geben werde; es sei einfach kein Platz dafür da. Bislang erwies sich das als falsch, doch heute bestätigte T-Mobile-Pressesprecher Dirk Wende gegenüber heise online, dass es für das G1 nur noch Hotfixes geben werde. Haben die Ingenieure etwa nicht bedacht, dass neue Versionen eines Betriebssystems unter Umständen mehr Speicher benötigen würden?

Unverständlich ist auch, warum Samsung und LG jetzt noch Geräte herausbringen, die unter Android 1.5 laufen. 1.6 ist seit Monaten verfügbar. Sicher, beide Hersteller kündigen an, das die Geräte aktualisierbar seien, doch nach den Stillhaltemeldungen um das erste Galaxy werden die Kunden dem Braten eventuell nicht trauen. Wer jetzt nach einem Smartphone sucht, möchte ein Gerät mit einer aktuellen Firmware, und nicht die Katze im Sack kaufen. Der einzige Hersteller, der bislang eine Aktualisierung veröffentlich hat, ist HTC. Bei Sense-Geräten lassen sich die Taiwaner Zeit, für die Google-Experience-Phones verweist das Unternehmen auf die Abnehmer T-Mobile und Vodafone. T-Mobile Pulse und G2 Touch sollen laut Wende im März ein Update auf 2.1 erhalten. Die amerikanische Version des Motorola Milestone ist bereits seit Wochen auf dem Stand 2.0.1, Motorola Europe lädt zur Diskussion.

Mit dieser Segmentierung geht Android den Weg, den auch Windows Mobile schon gegangen ist: Von Hardware-Herstellern angepasste Oberflächen verhindern eine Aktualisierung des darunter liegenden Betriebssystems – zu Lasten der Kunden, die die Möglichkeiten der neuen Versionen nicht nutzen können und möglicherweise Angriffe durch nicht mehr geschlossene Lücken hinnehmen müssen. Die Offenheit von Android, ein Pluspunkt für die Hersteller der Smartphones, verkehrt sich für die Kunden damit zum Nachteil. Denen bleibt nur die Abstimmung mit den Füßen: Sie sollten Hersteller meiden, die bislang durch eine kundenunfreundliche Update-Politik aufgefallen sind.

Doch nicht nur fehlende Betriebssystem-Updates sorgen für Verdruss. Ein wichtiger Punkt für den Erfolg von Smartphone-Plattformen ist die Anzahl der verfügbaren Anwendungen. Google hat dazu den Android Market ins Leben gerufen, der eine zentrale Anlaufstelle für Erweiterungen bereitstellt. Besitzer von Entwicklungsgeräten (Android Developer Phones, adp) können schon immer nicht auf alle Anwendungen aus dem Market zugreifen – sie könnten, da sie ja einen unbeschränkten Zugriff auf das Gerät haben, auch kopiergeschützte Bezahlanwendungen an andere weitergeben.

Der Market scheint sich bei der Identifikation dieser Telefone gelegentlich zu irren: Nach einem Update des G1 im vergangenen Sommer konnten Benutzer des Telefons kurze Zeit nur eine eingeschränkte Zahl von Anwendungen sehen, Google konnte das Problem nach wenigen Stunden jedoch beheben. Seit Wochen warten nun aber schon Besitzer eines nicht bei den offiziellen Vertreibern O2, Vodafone oder The Phone House gekauften Motorola Milestone auf eine Lösung für das gleiche Problem, auch das Acer Liquid ist davon betroffen: Sie können keine kopiergeschützten Anwendungen aus dem Market sehen; selbst von ihnen für andere Android-Smartphones gekaufte Anwendungen stehen nicht zum Download bereit. Wer sein Milestone allerdings rootet und ein paar Ziffern in der Systemdatei build.prop ändert, hat das Problem damit aus der Welt geschafft. Lieber Motorola-Support: Warum müssen Kunden monatelang auf eine solch kleine Änderung warten?

Vielen Kunden dürfte dieser Mangel jedoch noch gar nicht aufgefallen sein. Die Suche nach "document" findet bei den meisten Androiden rund 65 Anwendungen, bei eingeschränkten Milestone-Geräten lediglich die Hälfte – doch kommt man bei einem solchen Suchergebnis vielleicht nicht so schnell auf den Gedanken, dass man von einem Bug betroffen ist.

Mit einem ähnlichen Ärgerniss müssen Besitzer eines HTC Tattoo leben: Sie sehen lediglich Programme, die von den Entwicklern für ihr Smartphone freigegeben wurden. Da dies eine kleinere Bildschirmauflösung aufweist als alle anderen Android-Smartphones, laufen nicht alle Programme darauf – aber es laufen wesentlich mehr, als die Suche im Market zutage bringt. Da es keine offizielle Möglichkeit gibt, mit einem Desktop-Browser auf den Market zuzugreifen, können Tattoo-Besitzer auch nicht über Umwege an die Programme gelangen. Eine nicht tagesaktuelle Übersicht bieten immerhin die Webseiten www.cyrket.com und www.androlib.com.

Bei der Lösung des Tattoo-Problems sind vor allem die Programmierer der Anwendungen gefragt: Sie müssen ihre Anwendungen auflösungsunabhängig schreiben – das sollte im Jahr 2010 und nach jahrzehntelanger Erfahrung mit grafischen Oberflächen eigentlich leicht fallen. Und sie müssen zudem ihre Software unter verschiedenen Betriebssystem-Versionen testen: Einige Anwendungen sind mit einem Flag versehen, dass sie nur unter 2.0 oder 2.1 laufen würden, sie tun dies jedoch auch etwa unter 1.6.

Auch beim Market liegt also noch einiges im Argen. Wenn Google hier nicht eingreift und die Suche verbessert, werden Besitzer "unüblicher" Android-Smartphones nur wenig Spaß an der Programmauswahl haben. Der Erfolg von Android steht und fällt mit dem Erfolg des Markets – wenn Google hier schlampt, schneidet sich der Konzern in das eigene Fleisch.

Dennoch: Alles Gute zum Geburtstag, Android. Wir werden deinen Weg weiter verfolgen und hoffen auf noch viele spannende Geräte und Betriebssystem-Versionen. Weitere Wünsche werden sicherlich auch noch folgen. (ll)