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Kommentar: Google, Maps und der blaue Spielplatz

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"Keine Ergebnisse": So quittiert Google Maps 7 einen über Whatsapp verschickten Standort.

Die letzten Monate war es ja schwer angesagt, irgendwelchen eingestellten Google-Features hinterherzuweinen. Insgeheim habe ich das Rumgenöle immer belächelt – die Leute kommen doch alle nur nicht mit Veränderungen klar, dachte ich. Und olle Zöpfe gehören halt abgeschnitten, und zwar regelmäßig. Obendrein ist Feedly besser als es der Google Reader je war.

Doof nur, dass es mich jetzt selbst erwischt hat: Als ich heute morgen die 7er-Version von Google Maps auf meinem Android-Telefon installiert habe, bin ich ernsthaft in Panik geraten: Wo ist Latitude? Wo ist die "Meine Karten"-Funktion, die ich regelmäßig für Fahrradtouren benutzt habe? Nach hektischem Hin- und Her-Getatsche dann die Gewissheit: Gibt's nicht mehr.

Ebenso fehlen der zuschaltbare Maßstabbalken, der Entfernungsmesser, die Zoom-Schaltflächen und die Offline-Kartenverwaltung. Außerdem kann das neue Maps nichts mehr mit über Whatsapp verschickten Standorten anfangen. All das mag sich nach Kleinkram anhören, war für mich auf dem Fahrrad aber unentbehrlich. Und eine ernsthafte Alternative zu Maps habe ich bislang nicht gefunden.

Klar, Google hat schon eingelenkt und eine rudimentäre Offline-Funktion nachgeschoben. Die "Meine-Karten"-Funktion soll in "einer der nächsten Versionen" auch wieder laufen. Einen konkreten Termin gibt es zwar nicht, aber immerhin.

Früher ging's, jetzt nicht mehr: Eine (Fahrrad-)Route als KML-Datei (zum Beispiel von Naviki) in meine "Karten hochladen" und in der Google-Maps-App anzeigen lassen.

Garantiert nicht wiederkommen wird aber wohl die Latitude-Funktion in Maps – das ist für mich der eigentliche Skandal. Denn auch wenn meine datenschutzbewegten Kollegen regelmäßig die Hände über dem Kopf zusammenschlugen: Ich halte Latitude für eines der genialsten Smartphone-Werkzeuge überhaupt. Latitude ist nun komplett verschwunden aus Maps, dafür findet man es nun in der Google+-App – in allen Belangen schlechter als vorher. Die Karte ruckelt und zuckelt wie vor fünf Jahren, die Genauigkeit der Position meiner Kontakte wird nicht mehr angezeigt, ich kann mich nicht mehr zu Kontakten navigieren lassen, ich kann keine manuellen Standorte festlegen, außerdem fehlen die Zeitstempel mit der letzten Aktualisierung. Und das alles nur, um die Kundschaft auf Krampf an Google+ zu binden – genau wie beim radikalen Wechsel vom XMPP-kompatiblen Google Talk zum proprietären Featuremonster Hangout.

Google erinnert bei diesen verzweifelten Versuchen ein bisschen an ein quengelndes Kleinkind: "Du sollst auf MEINEM Spielplatz spielen, nicht auf dem doofen blauen Spielplatz! Sonst nehm ich dir dein Förmchen weg!" Das Ärgerliche daran: Wahrscheinlich funktionieren die Maßnahmen sogar. Denn die Option, Google komplett zu boykottieren, gibt es für mich (und viele andere) nicht – meine Internetnutzung ist über die Jahre quasi symbiotisch mit Google verwachsen. Raus komme ich da nicht mehr, und wenn dann nur mit sehr vielen Einschränkungen. Ich bin Google ausgeliefert und muss deshalb unausgegorene Software, verschwundene Features und ungewollte Veränderungen akzeptieren – so lange, bis es vergleichbare Alternativen gibt. Eine flinke, flexible und vor allem gut bedienbare Karten-App auf OpenStreetMap-Basis wäre schon einmal ein toller Anfang. (Jan-Keno Janssen) / (jkj)

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