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Kommentar: Grenzwerte? Einfach wegdefinieren! Von der Autolobby, Manipulatoren und Obskurantismus

Wissenschaftler dürfen sich von Realitätsverzerrern nicht länger in die Ecke treiben lassen. Sie müssen sich wehren.

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Autoabgase: Was heißt schon schädlich?

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Auch wenn schon viel dazu gesagt ist muss ich noch einmal auf das leidige Thema Stickoxide zurückkommen. Denn es sieht so aus, als habe die Pippi-Langstrumpf-Fraktion der Autolobby mit ihre "Operation Lungenarzt" einen bedeutenden Etappensieg erreicht. Frei nach dem Motto: Wenn wir die die Grenzwerte für Luftschadstoffe nicht einhalten können, lassen wir sie doch einfach wegdefinieren.

Das ist zwar Obskurantismus der übelsten Sorte, wird aber in der Berichterstattung bereits als "Debatte über Grenzwerte" bezeichnet. Dabei suggeriert allein das Wort "Debatte", das es sich um eine ernsthafte Auseinandersetzung handelt, einen Austausch von Argumenten zum Zweck der Entscheidungsfindung. Von all dem kann in diesem Fall keine Rede sein.

Ein Kommentar von Wolfgang Stieler

Nach dem Studium der Physik wechselte Wolfgang Stieler 1998 zum Journalismus. Bis 2005 arbeitete er bei der c't, um dann als Redakteur der Technology Review zu wirken. Dort betreut er ein breites Themenspektrum von Künstlicher Intelligenz und Robotik über Netzpolitik bis zu Fragen der künftigen Energieversorgung.

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Dass ein paar SUV-vernarrte Vorstadtbewohner ihre akademischen Posten dafür nutzen, ihren geliebten Diesel vor dem Ökoterror in Form von Fahrverboten zu verteidigen – geschenkt. Wirklich Sorgen aber bereitet mir, wie bereitwillig die Regierung, und damit eine Säule des bürgerlichen Rechtsstaats, auf jede noch so platte Ausrede einsteigt, um Zeit zu schinden und den Autoverkehr weiter zu hätscheln.

Denn wenn Verkehrsminister Andreas Scheuer über neue Erkenntnisse schwadroniert, auf deren Basis die wissenschaftliche Grundlage für Grenzwerte überprüft werden müsse, schadet er nicht nur sich seinem Amt. Er schadet auch der aufgeklärten politischen Debatte.

Denn Scheuer und seine Freunde verbreiten fröhlich Verschwörungstheorien. Sie unterstellen Tausenden von Wissenschaftlern einfach mal im Vorbeigehen entweder Dummheit oder bösen Willen. (Fun Fact: Für jemanden, der versucht hat, sich mit zweifelhaften Methoden einen Doktortitel zu besorgen, ist das bemerkenswert dreist.)

Und wenn Scheuer darauf beharrt, in Deutschland würden Luftschadstoffe falsch gemessen, versucht er nicht nur Zeit zu schinden. Er demontiert damit auch öffentlich die Glaubwürdigkeit der Experten des Umweltbundesamtes, die für die sachgerechte Aufstellung der Messtationen verantwortlich sind.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek hat diese Form der Argumentation in einem Tweet als "auf Reichsbürger-Niveau" bezeichnet. Er hat dafür viel Prügel einstecken müssen, aber im Grunde hatte er Recht. Das Argumentationsmuster ist identisch: Es gibt eine große Verschwörung (der Politiker, der Wissenschaftler .... you name it) aber wir kennen die Wahrheit und wenn so genannte Experten das Gegenteil behaupten, sind sie ja doch nur von der Elite gekauft.

Es ist nicht ohne Ironie, dass einer der wenigen, die vor den Konsequenzen dieser Entwicklung warnen, ausgerechnet der Leiter der Kommunikationsabteilung der Volkswagen-Stiftung ist. Jens Rehländer fordert in einem Blog-Eintrag die "Gräben zwischen Organisationen, Disziplinen, Lehrmeinungen pragmatisch zu überbrücken", um "mit einem gemeinsamen, kraftvollen öffentlichen Auftritt die Unabhängigkeit und „Wahrhaftigkeit“ von Wissenschaft gegen Meinungsmacher und Realitätsverzerrer zu verteidigen."

"Sonst", warnt Rehländer, "überlassen wir den Manipulatoren und Ideologen das Feld. Und die werden nun, nachdem sie die evidenzbasierte Wissenschaft in der Feinstaub- und Stickoxid-Debatte quasi über Nacht in die Defensive gedrängt haben, mit frischer Zuversicht ein altes Ziel neu in Angriff nehmen: die Entlarvung des anthropogenen Klimawandels als wissenschaftliches Hirngespinst." (anwe)