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Kommentar: Habt keine Angst vorm Alter

Seit Jahren warnen Demografen vor einer überalterten Gesellschaft und einer daraus folgenden sinkenden Wirtschaftskraft. Nichts könnte falscher sein.

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(Bild: Matthew Bennett auf Unsplash )

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Die Weltbevölkerung altert rasch. Der Anteil der Amerikaner über 65 Jahren liegt heute bei 16 Prozent und wird bis 2035 auf 21 Prozent anwachsen – mehr als die unter 18-Jährigen. In China ist die Entwicklung ähnlich, vor allem, weil die Einführung der Ein-Baby-Politik im Jahr 1979 die jüngeren Altersgruppen schrumpfen ließ. Andere Länder sind noch älter. In Japan ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung 65 oder älter. Deutschland, Italien, Finnland und ein Großteil der übrigen EU liegen nicht weit zurück.

Die gängige Meinung ist, dass eine alternde Bevölkerung für das Wirtschaftswachstum Gift ist. Immer weniger Menschen werden arbeiten, was den Arbeitskräftemangel verschärft. Ökonomen geben dieser Entwicklung gern bedroh­liche Namen wie "grauer Tsunami" oder "demografische Zeitbombe".

TR 11/2019

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David Rotman, Redakteur der US-Ausgabe von Technology Review: "Die wirkliche Bedrohung ist die Angst vor einer unvermeidlichen demografischen Krise."

Aber vielleicht ist die wirkliche Bedrohung die Angst vor dieser Krise. Die Wahrheit ist, dass Ökonomen nicht viel da­rüber wissen, wie sich eine alternde Bevölkerung auswirkt – auch wenn einige Studien dies auf den ersten Blick nahelegen. Harvard-Ökonomin Nicole Maestas hat anhand von Daten aus den Jahren 1980 bis 2010 berechnet, welchen Einfluss eine alternde Gesellschaft auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat. Das Ergebnis: Steigt der Anteil der Bevölkerung über 60 um zehn Prozent, verringert sich das BIP-Wachstum pro Kopf um 5,5 Prozent. Demnach könnte eine alternde US-Bevölkerung das Wirtschaftswachstum in diesem Jahrzehnt um 1,2 Prozentpunkte senken.

Aber ist die Vergangenheit wirklich eine Lehre? Maestas warnt selbst, dass historische Trends möglicherweise keine gute Basis für Vorhersagen liefern. Sie vermutet, dass die Produktivität vor allem deshalb mit zunehmendem Altersdurchschnitt gesunken ist, weil überproportional viele qualifizierte und erfahrene Menschen in Rente gehen, weil sie wohlhabender sind und es sich leisten können. Hat sie recht, werden ­Arbeiter mit dem Alter also nicht weniger produktiv. Stattdessen hören die produktivsten auf zu arbeiten.

Die Lebenserwartung stieg in den vergangenen Jahren stark an, hat aber im letzten Jahrzehnt ein Plateau erreicht.

(Bild: Quelle: UN World Population Prospects 2019)

Ein Rückgang der Produktivität ist Maestas zufolge nicht unvermeidlich. Neue Technologien können Menschen länger arbeiten lassen. Teams aus jungen und alten Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen könnten sogar produktiver sein.

"Trotz aller Warnungen vor der Überalterung gibt es überraschend wenig Beweise dafür, dass alternde Gesellschaften wirtschaftlich schlechter sind", sagt Daron Acemoglu, Ökonom am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Zusammen mit Pascual Restrepo von der Boston University hat er eine ähnliche Untersuchung durchgeführt wie Maestas. Allerdings nutzte er BIP-Daten der Jahre 1990 bis 2015, also neueren Datums. Er fand keinen Zusammenhang zwischen Demografie und Wirtschaftswachstum. Tatsächlich geht es Ländern wie Südkorea, Japan und Deutschland, die alle eine schnell alternde Bevölkerung haben, gut.

Ein möglicher Grund: Länder mit alternden Arbeitskräften haben schneller Industrieroboter eingeführt und damit eine nachlassende Produktivität kompensiert. Acemoglu betont zwar: "Wir wissen weder, was passiert, wenn Gesellschaften altern, noch, wie wir sie steuern sollen." Aber für eine Tsu­nami-Warnung sei es definitiv zu früh.

Der Jugendkult hat sogar negative Folgen. Vor zwölf Jahren behauptete Facebook-CEO Mark Zuckerberg: "Junge Leute sind einfach schlauer." Fast zehn Jahre später sagte Milliardär und Risikokapitalgeber Vinod Khosla: "Menschen ­unter 35 sind die, die Veränderungen bewirken. Menschen über 45 sind tot, wenn es um neue Ideen geht." Kürzlich legte er via Twitter nach: "Erfahrung ist ein Vorurteil."

Das durchschnittliche Alter von Gründern von wachstumsstarken Startups liegt bei 45 Jahren.

(Bild: Quelle: Azoulay, Jones, Kim and Miranda: HBR)

Googles Belegschaft hat ein Durchschnittsalter von 29 Jahren, während der US-Durchschnitt bei rund 42 Jahren liegt. Dabei zeigen Studien, wie falsch diese Personalpolitik ist. Anhand der Daten von 2,7 Millionen Firmengründern kamen Ökonomen des MIT, des U.S. Census Bureau und der Northwestern University zum Schluss, dass die Gründer der am schnellsten wachsenden Start-ups im Schnitt 45 Jahre alt sind. Ein 50-Jähriger wird fast doppelt so wahrscheinlich ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen wie ein 30-Jähriger.

Der Jugendkult könnten erklären, warum das Silicon ­Valley so schlecht darin ist, Start-ups in den Bereichen Biomedizin oder saubere Energien zu schaffen. Denn dort sind wissenschaftliche Expertise und Erfahrung erforderlich. Die meisten großen wissenschaftlichen Errungenschaften in den Naturwissenschaften und der Medizin werden im mittleren Alter erzielt, so zumindest das Ergebnis einer Studie von Benjamin Jones, Ökonom an der Northwestern University.

Altersdiskriminierung entpuppt sich damit als Vorurteil, und ein ziemlich perfides dazu. Schließlich werden wir alle irgendwann alt. Diese Botschaft ist im Silicon Valley und ­seinen die Jugend fetischisierenden Investoren augenscheinlich immer noch nicht angekommen.







(jle)