Kommentar: It‘s the Infrastructure, stupid! Digitale Grundversorgung jetzt!

Für die Gesundheit will man trotz Bedenken digitalisieren, was geht, Grundlagen der Digitalisierung werden aber zu zögerlich angepackt, meint Kristina Beer.

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(Bild: Shutterstock/Pavel Chagochkin)

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In der Coronavirus-Pandemie wird das Thema Digitalisierung virulent. Den Technik-Gläubigen gelten Tracking-Apps als ein großer Baustein zur Lösung der Krise – der Solutionismus lässt grüßen. Im Gesundheitswesen zeigt sich die Bundesregierung auch risikofreudig – Stichwort digitaler Seuchenpass – und setzt höchst sensible Daten der Bürger:innen der Gefahr aus.

Unterdessen schauen die Bürger:innen ungläubig auf die immer noch nicht digitalisierten Schulen, die ruckelnden Videokonferenzen aus dem Homeoffice und fragen sich, wann der nächste Behördengang ansteht, der eigentlich auch online hätte erledigt werden können.

Deutlich wird durch die Pandemie: It‘s the infrastructure, stupid! Doch beim Netzausbau und der Digitalisierung von Schulen und Behörden können sich die Verantwortlichen in Deutschland nicht dazu durchringen, tatsächlich die digitale Grundversorgung auszurufen und diese auch mit Verve zu verteidigen. Ein schneller Internetanschluss muss eine Universaldienstleistung sein – heißt: Bürger:innen hätten ein Recht darauf!

Ein Kommentar von Kristina Beer

Kristina Beer schreibt für heise online und beschäftigt sich gerne mit der Frage, wie sich technischer Fortschritt auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auswirkt. Ab und an moderiert sie auch die heiseshow.

Digitale Grundversorgung? Diese würde endlich dafür sorgen, dass engagierte Lehrer:innen nicht umfassende technisch-pädagogischen Konzepte verfassen müssten, damit ihre Schule überhaupt Mittel aus dem Digitalpakt abrufen kann – auch aus diesem Grund wurden diese Mittel bisher nur zu einem Bruchteil abgerufen. Wie heißt es so schön? "Keine Ausstattung ohne Konzept." Das Konzept darf aber jede Schule selber klöppeln. Hier wäre es Aufgabe der Politik, endlich richtungsweisend zu denken und zu wirken.

Digitale Grundversorgung heißt: Jede Schule bekommt ihren Breitbandanschluss. Jede Lehrkraft und alle Schüler:innen erhalten ein Notebook oder Tablet, Zugang zu einer digitalen Lehrplattform (möglichst Open-Source!), ein Grundgerüst an digitalen Lerninhalten. Medienbildung & Technik müssen als Schulfach anerkannt und festgeschrieben werden, Lehrkräfte brauchen entsprechende Fortbildungen.

Digitale Grundversorgung heißt auch, dass Länder und Kommunen mit ausreichend Mitteln ausgestattet werden, um technischen Support für ihre Schulen und Behörden bereitstellen zu können. Um "die letzte Meile" des Internets endlich auszubauen. Denn auch hier zeigt sich: Es wird verzagt gesteuert und gedacht. Zwar müssen Provider eigentlich bis nahezu zur letzten Milchkanne eine Versorgung bereitstellen, zu stark wollte die Politik sie in den vergangenen Jahren aber nicht in die Pflicht nehmen. Digitale Grundversorgung könnte also heißen: Jetzt macht's der Staat und die Provider können Infrastruktur mieten.

Eins sollte durch die Pandemie deutlich geworden sein: Wir dürfen das Rad nicht ständig stoppen oder sogar zurückdrehen. Viele Menschen und Unternehmen haben erkannt, dass die Digitalisierung ihrer Arbeitsprozesse und auch die häufigere Arbeit im Homeoffice mehr Leistung und Lebensqualität schenken können. Auch ist diese Fortentwicklung zwingend notwendig, um überhaupt mit der internationalen Konkurrenz mithalten zu können. Das klappt aber auch nur, wenn wir mit einem klaren Fahrplan in unsere Infrastruktur und die technische sowie digitale Bildung unserer Bürger:innen investieren.

Mehr Digitalisierung bedeutet dabei nicht, dass Datenschutzstandards abgebaut werden müssen. Unser Problem ist grundlegender. Es müssen erst einmal auf Infrastrukturebene Hürden abgebaut, Fördermaßnahmen, Finanzierungen und Zuständigkeiten genau gestaltet und benannt werden.

Für etliche Schulfächer haben wir klare Lehrpläne und Standards erarbeitet – einer könnte in Zukunft lauten: digitale Kompetenz. Für unser Land sollte endlich die Parole gelten: Digitalisierung stets mitdenken – digitale Grundversorgung jetzt! (kbe)