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Kommentar: Mozilla und das schmutzige Geld von Google

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Seit vergangenem Donnerstag ist es offiziell. Mozilla hat im Jahr 2012 etwa 280 Millionen US-Dollar von Google erhalten. Das ist viel Geld, mit dem die Organisation unter anderem auch das mobile Betriebssystem Firefox OS entwickeln konnte. Doch der Deal ist zweischneidig. Hat der Krösus unter den Netz-Nonprofits damit die eigenen Ideale verraten?

Rückblick: Zum Anfang des Jahrtausends hatte Microsoft mit dem Internet Explorer den Browser-Markt fast vollständig monopolisiert. Eine Rebellin aber wollte das nicht zulassen: die quasi aus der Asche eines Internet-Explorer-Konkurrenten auferstandene Mozilla Foundation. Der von ihr betriebene Browser Firefox beendete die Monopol-Träume von Microsoft. Das Internet war fürs Erste gerettet. Seitdem setzt sich die Foundation für Freiheit, Offenheit und Vielfalt im Netz ein.

Mozilla war angetreten, das Netz zu befreien

Nun will es Mozilla noch einmal wissen. Das neue Sorgenkind ist das mobile Internet. Dieses Mal gilt es ein Duopol aufzubrechen. Den Markt der Smartphone-Betriebssysteme dominiert Apples iOS und Android, bei dem Google eine entscheidene Rolle spielt. Die Mozilla-Alternative Firefox OS könnte das auch schaffen, mit der großen Foundation im Rücken. Allerdings ist die Entwicklung eines mobilen Betriebssystems sehr aufwändig, und deswegen brauchte und braucht Mozilla Geld. Erfreulicherweise hat die Organisation sich das auch beschafft. Mozilla ist nicht nur top im nicht-kommerziellen Bereich, sondern auch im Business-Kontext.

311 Millionen US-Dollar hat Mozilla im Jahr 2012 laut Jahresbericht eingenommen, mehr als jemals zuvor. 305 Millionen davon sind Provisionen. Davon wiederum stammen 90% aus einem „Vertrag mit einem Suchmaschinen-Anbieter“, wie es im Finanzbericht heißt. Jedem ist klar, wer damit gemeint ist. Google zahlt so viel, um weltweit als Standard-Suchmaschine im Firefox-Browser eingestellt zu werden. Wer in das kleine Suchfenster rechts oben im Firefox benutzt, wird auf Google weitergeleitet. Diese Vermittlung war im Jahr 2012 einem einzigen Unternehmen 280 Millionen US-Dollar wert.

Mozilla hat damit ein geniales Geschäftsmodell gefunden. Erstens zahlt Google meistens Provisionen für Leute, die höchstwahrscheinlich eh dessen Suchportal nutzen würden. Die Google Suche ist weltweit Nummer Eins, vor allem in Deutschland. Zweitens hat Mozilla es geschafft, sich mit Firefox OS von Google die Entwicklung eines Konkurrenzprodukts finanzieren zu lassen.

Das Problem ist: Mit dem Geld gefährdet Mozilla gleichzeitig auch seine Ideale. Der neue Gigant des Internet, der alles vereinnahmende Moloch, heißt heute nicht mehr Microsoft, sondern Google. Zu dessen riesigem Anteil am Suchmarkt kam irgendwann auch noch ein eigener, erfolgreicher Browser hinzu, ein soziales Netzwerk und ein mobiles Betriebssystem, in dem es den Ton angibt.

Eine Organisation wie Mozilla müsste konsequenterweise mit aller Kraft gegen diesen Dominator ankämpfen. Und sie hätte die Möglichkeit dazu, wie keine andere Organisation. Der Firefox-Browser könnte den Suchmaschinen-Markt zumindest ein wenig aufmischen. Mozilla könnte Millionen Internet-Nutzern zeigen, dass es auch noch andere Suchanbieter gibt, nicht nur die großen Microsoft-Alternative Bing, sondern auch kleinere mit alternativen Suchkonzepten, wie Duckduckgo oder die europäische Meta-Suchmaschine Ixquick. Mindestens aber könnte Mozilla sich in punkto Suchmaschine neutral verhalten.

Doch es passiert das Gegenteil. Mozilla hilft als Traffic-Lieferant dem Suchgiganten, groß zu bleiben und sogar noch zu wachsen. Der Firefox-Browser ist weltweit Google-Land, und das auch in Staaten mit funktionierenden nationalen Suchmaschinen, wie dem russischen Yandex.

Für 280 Millionen Dollar verrät Mozilla somit seine Ideale. Die Organisation ist gestartet, um das aufkommende Internet nicht nur einem kommerziellen Titanen zu überlassen. Jetzt geht sie mit einem anderen Titanen ins Bett. Mozilla bekommt viel schmutziges Geld für diese ungleiche Ehe. Die Foundation zahlt aber selbst auch den denkbar höchsten Preis – mit ihrer Glaubwürdigkeit. (mho)

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