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Kommentar: Mozilla und der Preis der Unabhängigkeit

Die Ankündigung, neuen Firefox-Nutzern künftig Werbung anzuzeigen, erregt die Gemüter. Aber hat das Non-Profit-Unternehmen überhaupt eine andere Wahl, als sich neue Einnahmen zu erschließen?

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Von Gier, verkaufter Seele und bevorstehenden Forks war die Rede im Heise-Forum, als Mozilla ankündigte, neuen Firefox-Anwendern nach dem Öffnen eines neuen Tabs Werbung anzuzeigen. In dem traditionell reklamefeindlichen Open-Source-Umfeld ist das tatsächlich ein Kulturbruch. Aber steckt wirklich nur Gier dahinter?

Mozilla hat ein Problem. Alle gängigen Browser-Statistiken, so unzuverlässig sie auch sein mögen, zeigen für Firefox in die gleiche Richtung: mit sanftem Gefälle nach unten. Vermutlich ist nicht einmal mehr jeder fünfte Internetnutzer mit dem roten Zwergpanda unterwegs.

Die Anwender verlangen nach einem Browser, der "schnell" und "schlank" sein soll. Was immer das genau heißen mag: Firefox scheint diese Kriterien nicht zu erfüllen. Einst konnte sich Mozilla als fortschrittliche und nicht zuletzt ethische Alternative gegen Microsofts Behörden-Charme positionieren, aber gegenüber dem sinistren Charisma der freundlichen Diktaturen in Mountain View und Cupertino verliert es zunehmend an Land.

Noch schlimmer wird es beim Blick aufs mobile Internet. Vor fast zehn Jahren begann Mozilla unter dem Projektnamen "MiniMo" mit Experimenten für einen Mobilgeräte-Browser. Das war zu einer Zeit, in der PDAs angesagt waren und iPhone oder Google Chrome noch längst nicht in Sicht waren. Heute listet StatCounter den mobilen Firefox unter "Other". Irgendwas ist schiefgelaufen – und wenn Mozilla die Nutzer nicht von seinen Produkten für Mobilgeräten überzeugen kann, wo wird es dann in fünf Jahren stehen? Oder in zehn?

Dass Mozilla im Kern eine Non-Profit-Organisation ist, bedeutet nicht, dass alle umsonst arbeiten. 149 Millionen Dollar Ausgaben verbuchte die Mozilla-Stiftung 2012 unter dem Posten "Software-Entwicklung", dazu kamen noch einmal 50 Millionen für Marketing und Verwaltung. Bei Browsern und dem neu hinzugekommenen Geschäftsfeld der Mobil-Betriebssysteme herrscht ein äußerst harter Wettkampf – ausschließlich mit Studenten und Feierabend-Programmierern wird man da nicht viel erreichen.

Und wo kommt das Geld her? Mozillas großer Ertragsbringer ist die voreingestellte Suchmaschine. Dafür hat es einen Vertrag mit Google: 274 Millionen US-Dollar kamen so 2012 in die Kassen des Open-Source-Unternehmens – das entspricht 90 Prozent der Gesamteinnahmen. Bei einem Freiberufler würde das Finanzamt hier sofort Scheinselbständigkeit vermuten.

Ein wenig wirken diese Millionen wie die Krümel, die ein Gigant achtlos vom Tisch kehrt: Denn ob Google Mozilla wirklich braucht, um Nutzer auf seine Suchmaschine zu locken, kann man bezweifeln. Würde Firefox mit Yahoo, Yandex, Baidu oder gar mit Microsofts Bing auf die Suche gehen, wäre für manch einen weniger technikaffinen Nutzer Firefox kaputt. Vollends grotesk wird diese Abhängigkeit dadurch, dass es heute vor allem Google ist, das Mozilla Anteile auf dem Browsermarkt abnimmt, während dieses Firefox OS auf dem von Android beherrschten Feld der Mobil-Betriebssysteme in Stellung zu bringen versucht.

Fakt ist: Mozilla wird von seinem Hauptkonkurrenten am Leben erhalten. Und das ist nicht gesund – nicht für das Unternehmen, nicht für Firefox, nicht für das offene Web. Fakt ist auch, dass Mozilla Gefahr läuft, in die Bedeutungslosigkeit abzugleiten und sich dringend neue Nutzer erschließen muss, vor allem auf Smartphones und Tablets. Die Non-Profit-Organisation hat daher gar keine andere Wahl, als sich neue Einkommensquellen zu erschließen.

Es wäre gut, wenn das mit einem Maximum an Offenheit geschehen würde. PR-Sprech ist da fehl am Platz, Fakten und Erklärungen zu den Motiven dahinter helfen schon eher. Tracking soll es nicht geben – man darf gespannt sein, wie Mozilla das technisch lösen will.

Wenn es Mozilla hilft, unabhängig und zukunftsfähig zu bleiben, werde ich gerne mal auf das eine oder andere "Directory Tile" klicken. Denn der Abstieg von Firefox in die Nische wäre schlecht für alle: Mozilla ist der letzte verbleibende Browser-Hersteller, hinter dem nicht ein Milliardenkonzern steckt, und der einzige, bei dem Open Source noch eine Lebenseinstellung und nicht nur eine Lizenzfrage ist. (vbr)

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