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Kommentar: Nebelkerzen zur Einführung von DVB-T2 HD

Die Qualität des Fernsehens ist nicht nur eine Frage der Bildschirmauflösung, meint Bert Ungerer. Er ärgert sich außerdem darüber, dass die Umschaltung von DVB-T auf DVB-T2 als technisch notwendig suggeriert wird.

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Kommentar: Nebelkerzen zur Einführung von DVB-T2 HD

(Bild: Netflix)

Als langjähriger Fernsehzuschauer kenne ich noch die Vokabel "Sendeschluss" und den Konflikt, ob es schon wieder Papis blöde Sportschau (mit Galopprennen) sein musste oder ob ausnahmsweise mein geliebtes Raumschiff Enterprise über die Wegavision-Schwarzweißröhre flimmern durfte. Trotz YouTube, Netflix und anderer Verlockungen nutze ich das lineare Fernsehen bis heute, auch dank einiger Segnungen der IT wie dem zeitversetzten Angucken mit dem smarten Festplattenempfänger.

Heute gehört Hallo Niedersachsen zu meinen Lieblingssendungen, familienintern auch Feuerwehr-TV genannt. Doch die Interviews mit wackeren Einsatzkräften aus Hannover und Umgebung treten derzeit ein wenig in den Hintergrund: Jede Menge Alarm macht der NDR um ein paar eigene Zuschauer, die über Antenne fernsehen und noch keinen DVB-T2-Receiver besitzen. Es betrifft eine einstellige Prozentzahl. Doch der gebührenfinanzierte Sender wirbt für die Umstellung, als gelte es eine apokalyptische Invasion rechteckäugiger Sendeschluss-Zombies abzuwenden. Schüssel-Schorse hat wochenlang mit vollem Einsatz und von Fernsehteams begleitet passende Empfänger verschenkt – natürlich auch an eine Freiwillige Feuerwehr, die sonst offenbar ab Ende März gar nicht mehr wüsste, was sie zwischen den Einsätzen tun sollte.

Das wirkt auf den ersten Blick so unterhaltsam wie fürsorglich, aber mich beschleicht das Gefühl, dass der NDR – und nicht nur dieser Sender – eine Menge Nebelkerzen zündet, um davon abzulenken, was der Wechsel auf DVB-T2 den Konsumenten eigentlich zumutet. Warum muss es zum Beispiel eine komplette Umstellung zu einem festen Termin sein? Eine sanfte Einführung von DVB-T2 parallel zu DVB-T wäre kein Hexenwerk, aber eben auch kein werbewirksames Drohgebilde.

Apropos werbewirksam: Der Zusatz "HD" suggeriert zwar, die vom Sender gelieferte Bildqualität habe etwas mit dem Übertragungsverfahren zu tun. Hochauflösendes Fernsehen funktioniert aber schon mit dem bisherigen DVB-T, in Deutschland wollte es nur niemand umsetzen. Die Zuschauer könnten mit "DVB-T HD" oder beim Parallelbetrieb DVB-T+T2 nicht so viele Kanäle empfangen, aber wäre der Verzicht auf ein paar Shopping- und Scripted-Reality-Sendungen nicht auch eine Art Qualitätssteigerung? Spannung kann ja sogar schon mit nur zwei Kanälen aufkommen, siehe oben.

Neben dem Vorgaukeln einer technischen Notwendigkeit stört mich an DVB-T2 das künstliche Altern vor gar nicht so langer Zeit gekaufter Fernseher: Plötzlich kommt wie früher, als man noch ins Röhren-TV schaute und schon auf DVB-T umstellte, eine weitere Fernbedienung hinzu, noch ein Kabel und eine mehr oder weniger störende Set-Top-Box. Wem das nicht gefällt, der kann den wenige Jahre alten Flachfernseher bitteschön durch einen noch neueren, DVB-T2-HD-fähigen ersetzen. Und das 4K-Fernsehen lauert schon ...

Das Ganze soll natürlich nicht nur die Kassen der Elektronikhändler klingeln lassen. Mit der Umstellung verschwinden die Privatsender aus dem freien Antennenfernsehen. 69 Euro sind nun jährlich dafür fällig, ProSiebenSat.1 und Co. weiterhin schauen zu dürfen – zwar in HD, aber dafür haben die Privatsender auch die technische Möglichkeit, Zuschauern Aufnahme- und Wiedergabeoptionen wie einen schnellen Vorlauf im Werbeblock einfach abzuklemmen. Für mich kommt das nicht infrage. Mein frisch erworbener DVB-T2-Empfänger kann erst gar keine verschlüsselten Programme empfangen. TV-Sendeschluss wäre für mich erst, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender auf ähnliche Ideen kämen. Aber dann gäbe es ja noch YouTube, Netflix und andere Alternativen zu DVB-T2. (un)

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