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Kommentar: Offene Schnittstellen für alle – wirklich alle!

Die Justizministerin will Interoperabilität bei Messengern und offene Algorithmen. Sie sollte da zuerst vor der eigenen Tür kehren, meint Merlin Schumacher.

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Offene Schnittstellen für alle -- wirklich alle!

(Bild: © Deutscher Bundestag / Achim Melde)

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) will offene Schnittstellen zwischen Messenger-Diensten und die Veröffentlichung von Algorithmen – ein frommer Wunsch eines Mitglieds dieser Regierung, die es kaum schafft, Open-Data-Vorgaben vernünftig umzusetzen und vor Auskunfteien wie der Schufa, Creditreform oder Arvato Infoscore kuscht.

Der Wunsch nach offenen Algorithmen gilt, wie es scheint, nur für Google und Facebook. Dass Verbraucher "keine bloßen Objekte von Rechneroperationen" sind, hat Schufa & Co. noch nie interessiert. Staat und Auskunfteien hacken sich gegenseitig kein Auge aus. Die einzigen, die manchmal in die Scoring-Suppe spucken, sind die oft machtlosen Datenschutzbehörden.

Offene Schnittstellen sind Klasse! Ich wäre froh, wenn ich statt fünf Messengern nur noch einen auf dem Handy hätte. "Das kann ja nicht so schwer sein!" denkt man sich. Die Realität dürfte aber fürs erste anders aussehen: Wenn man sich auf einen Standard einigt, dann wird es vermutlich der kleinste gemeinsame Nenner. Womöglich etwas wie XMPP. Dann funktioniert vielleicht das Übertragen von Textnachrichten, aber das Einbetten von GIFs, Stickern, Videos oder Sprachnachrichten klappt nur leidlich oder gar nicht.

Ein Kommentar von Merlin Schumacher

Merlin Schumacher hangelte sich vom Commodore 128D über Windows 3.11 zu Linux. Inzwischen beschäftigen ihn Linux, Web-Entwicklung, Smartphones und Social Media. Er schreibt seit 2016 für c't.

Und wer soll diesen Standard überhaupt festlegen? Die Bundesregierung in Form des BSI? Ein europäisches Gremium, das fünf Jahre an einer weltfremden Norm wie der DSGVO herumtüftelt? Am Ende geht dann auch noch die Verschlüsselung vor die Hunde und jeder, der interoperabel kommunizieren will, der muss das im Klartext tun. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Seit einiger Zeit kümmern sich öffentliche Verwaltungen und Ministerien um Open Data. Eine wichtige Anlaufstelle dafür ist die Website Govdata. Dort haben Bürger die Möglichkeit, öffentliche Daten abzurufen. Govdata bemüht sich um die Standardisierung von Datenformaten, Abläufen und Strukturen. Die Behörden setzen viel auf Open-Source-Software und offene Datenformate. Das ist lobenswert. Wieder denkt man: "Das kann ja nicht so schwer sein!". Die Realität sieht aber anders aus.

Selbst für einfachste Daten wie Bevölkerungszahlen, Müllabfuhrtermine oder Verkehrsauswertungen gibt es weder APIs noch standardisierte Datenstrukturen. Wer zum Beispiel nach "Müllabfuhrtermine" auf Govdata sucht, bekommt nur den Abfallplaner der Stadt Bonn von 2015 bis 2018 geliefert. Schön, dass sich die einstige Bundeshauptstadt um die Bereitstellung von Daten bemüht. Je nach Jahr in den Formaten CSV, XLS, XLSX und/oder JSON. Inhaltlich sind die Dokumente sehr heterogen und beantworten die Frage "Wann kommt die Müllabfuhr?" nur mit Mühe. Dem Entwickler, der aus solchen Datenbeständen eine nützliche Anwendung schneidern soll, wünsche ich alles Gute!

Im Ministerium von Frau Barley beschränken sich die sichtbaren Bestrebungen zu Open Data auf Portale zur Bereitstellung von RSS-Feeds mit den aktuellen Urteilen von einer Handvoll Bundesgerichten und den Verwaltungsvorschriften des Bundes. Sehenswerte Daten gäbe es auf der Seite des Ministeriums genug: Infohefte, Flyer, Formulare und Statistiken, deren Aktualisierung interessant sein könnte. Wie wäre es mit einem API, die auf Anfrage alle Urteile liefert, die sich auf einen bestimmten Paragrafen beziehen? Das wäre für Anwälte ein Geschenk und für Bürger eine echte Demokratisierung. Auf Govdata finden sich lediglich einige Datensätze von 2013 und 2014 zum Thema Schwarzarbeit sowie Verweise auf die oben genannten Portale.

Es scheint auch den Verwaltungen ein Dorn im Auge zu sein, dass sich jemand um die Organisation und Öffnung von Datenbeständen kümmern muss. Einzig, wenn es um das Verkaufen von Meldedaten an zahlungsfreudige Kunden geht, kann man gar nicht schnell genug die Datenbestände rausschicken. Die Regierung sollte erst einmal mit gutem Beispiel vorangehen: Offenheit schafft Vertrauen und Offenheit gegenüber dem Bürger ist im 21. Jahrhundert auch digitale Öffnung.

Wer von Facebook & Co. verlangt, seine Schnittstellen und damit sein Geschäftsmodell offenzulegen, sollte erst mal dafür sorgen, dass alle neuen Software-Projekte der Regierung mit offenen Schnittstellen ausgestattet sind. Wer postuliert, dass Bürger kein Gegenstand von geheimen Algorithmen sein sollte, muss dafür sorgen, dass diese Maßgabe nicht für die US-Konzerne, sondern auch für heimische Unternehmen, die eigenen Behörden und Dienste gilt. (mls)