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Kommentar: R.I.P. Ultra HD Blu-ray

Mit der PS4 Pro lässt Sony die Ultra HD Blu-ray fallen wie eine heiße Kartoffel. Von diesem Stich in den Rücken wird sich das junge Format nicht erholen. Sie ist so tot wie die SACD, meint Hartmut Gieselmann.

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Blu-Ray, DVD
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Dass Sony bei der Vorstellung der PS4 Pro die 4K-Ausgabe in höchsten Tönen lobt, war abzusehen. Spannender war jedoch, was die Japaner totschwiegen: Die Ultra HD Blu-ray.

Ich konnte es erst kaum glauben, dass Sonys neue Konsole dieses als gesetzt geglaubte Format nicht unterstützen soll. Bislang war eine Playstation doch immer Vorreiter und Geburtshelfer für neue Disc-Formate gewesen, ob die Playstation 2 als günstiger DVD-Player oder die PS3 als Blu-ray-Player der ersten Stunde. Denn die technikbegeisterte Kundschaft spielt nicht nur, sondern schaut auch liebend gern die neuesten Filme.

Doch Playstation 2 und 3 standen noch unter der Führung von Ken Kutaragi, einem Ingenieur, der die Kosten der Innovation unterordnete. Mit Kaz Hirai wurde er jedoch von einem Netzwerk-Fan und Kostenkontrollierer abgelöst. Seit der PS4 zählt zuerst das Budget, und das darf den Preis nicht über die psychologische Schwelle von 399 Euro treiben, selbst wenn man sich dafür ein Bein abhacken muss.

Da Sony den primären Einsatzzweck der PS4 immer noch im Spielen sieht, musste alles übrige (Audio-CD, UHD Blu-ray) zurückstehen, selbst wenn es das Laufwerk nur um ein paar Dollar teurer gemacht hätte. Der Dumme ist der Kunde: Musste er für eine PS3 noch 600 Euro zahlen, um für sechs Jahre ein State-of-the-Art-Gerät zu haben, sind es nun für eine PS4 und Pro über den selben Zeitraum zwei Raten zu 400 Euro plus die Kosten für einen etwaigen UHD-Disc-Abspieler.

Zudem hatte Hirai schon bei seiner Machtübernahme eine neue Strategie ausgegeben: Weg von der Hardware hin zu Online-Dienstleistungen. Sony hat seine eigene Laufwerks-Produktion vor Jahren eingestellt und muss die Dinger seitdem zukaufen. Langfristig wäre man bei Sony offenbar froh, wenn man ganz auf die Silberscheiben verzichten könnte. Da kann das absichtliche Weglassen der UHD Blu-ray auch ein taktischer Zug sein, selbst wenn die hauseigene Division Sony Pictures davon nicht gerade begeistert sein dürfte.

Sony wird dazu sicherlich Marktforschung betrieben und herausgefunden haben, dass zu wenige Kunden bereit sind, für die UHD-Blu-ray-Wiedergabe auch nur 50 Euro mehr zu zahlen. Vielleicht sehen auch die Verkaufszahlen der UHD-Filme zu schlecht aus. Kein Wunder: Während Streaming-Dienste wie iTunes HD-Filme inzwischen für 4 bis 6 Euro verschleudern, zahlt man für einen UHD-Film auf Disc 25 bis 30 Euro. Ich bin selbst großer Filmfan und besitze mehrere Hundert Discs, aber beim sechsfachen Preis hört selbst bei mir der Spaß auf.

Auch wenn Filmfans bei Konsolen als Abspielgeräte wegen der Laufgeräusche abwinken (und deshalb die PS4 Pro einem etwaig für 2017 geplanten UHD-Blu-ray-Player kaum Konkurrenz macht), kurbeln die Konsolen doch den Disc-Absatz an. Höhere Verkaufszahlen lassen wiederum die Preise purzeln, was die Stückzahlen nochmals in die Höhe treibt. Doch diese positive Absatz-Rückkoppelung wird bei der UHD Blu-ray nun ausbleiben. Denn es gibt bislang nur zwei teure Abspielgeräte und selbst Microsofts Xbox One S ist nur eine halbgare Lösung, weil sie die schönen neuen Tonformate Dolby Atmos und DTS:X nicht ausgeben kann.

Klar hat die UHD Blu-ray ein besseres Bild als Blu-ray Disc und Streaming-Filme, aber auf den feinen Unterschied legen offenbar zu wenige Konsumenten Wert. Selbst zehn Jahre nach der Markteinführung werden noch immer deutlich mehr DVDs als Blu-ray Discs verkauft. Während sich Technik-Feaks also beim Mittagstisch darüber streiten, ob sie jetzt einen Fernseher mit HDR10 kaufen oder lieber noch ein Jahr warten, bis HDR12 bezahlbar ist, ist das der Mehrheit völlig egal. Die hört auch lieber MP3 statt SACD. Bequemlichkeit geht ihr ab einem gewissen Punkt über Qualität.

Filmfans werden es sich nach Sonys Signal nun zweimal überlegen, ob sie tatsächlich in Infrastruktur und Discs für die Ultra HD Blu-ray investieren. Und in dieser Warteschleife droht das Format zu verhungern, denn die gierigen Streaming-Dienste sind bereits dabei, sich weitere Marktanteile zu schnappen. So wird sich wieder einmal nicht das technisch bessere, sondern das günstigere und bequemere Format (zumindest für Städter mit schneller Internetleitung) durchsetzen. Das kann man nun blöd finden oder nicht, man wird es nicht aufhalten.

Lesen Sie dazu auch den Gegenkommentar:

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