E3

Kommentar: Raus aus den virtuellen Stahlgewittern, Ihr Zombies!

Die Spiele-Hersteller schossen auf der E3 mal wieder aus vollen PR-Rohren, priesen neue Spiele und Hardware an. Doch selten war der Einheitsbrei so dick wie in diesem Jahr. Er droht, die noch jungen VR-Experimente zu ersticken.

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Könnte eine Szene aus "Days Gone", "State of Decay 2" oder "Dead Rising 4" sein, ist warscheinlich auch egal.

(Bild: Sony)

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Jetzt, wo sich das Trailer-Bombardement der Spiele-Messe E3 langsam lichtet, ist es Zeit, sich etwas Gedanken zu machen, was denn die Pläne der Spiele-Industrie tatsächlich für Auswirkungen auf die Spieler haben werden.

Ein Kommentar von Hartmut Gieselmann

Hartmut Gieselmann, Jahrgang 1971, testet seit Ende der 90er Jahre Spiele für c't. Als Redakteur ist er immer auf der Suche nach neuen Spielkonzepten und stellt diese regelmäßig in der Video-Reihe c't zockt vor.

Früher hieß Microsofts Mantra: "Exklusiv für Xbox". Heute lautet es: "Exklusiv für Xbox und Windows 10". Für PC-Spieler fällt damit ein wichtiger Grund weg, sich eine Xbox zu kaufen. Wenn sie künftig alle Spiele auf ihrem PC zocken können, investieren sie das Geld besser in eine schnellere Grafikkarte, denn die können sie ebenfalls für Steam-Spiele nutzen, die nicht auf Microsofts Konsole laufen. Die Xbox schafft sich somit ab und verkommt zu einem Windows-10-TV-Adapter, der Spiele möglichst bequem auf den großen Schirm im Wohnzimmer bringt.

Aber es ändern sich die Gegner: Zeigte das alte "Exklusiv für Xbox" nur Playstation-Spielern den Mittelfinger, so grenzt "Exklusiv für Xbox und Windows 10" auch Steam, macOS und Linux aus. Das Versprechen "Wir reißen die Plattformgrenzen für Spieler nieder" ist eine glatte Lüge. Das Gegenteil ist der Fall: Die Xbox wird eingemeindet, dafür werden die Mauern nach außen hin erhöht.

Microsoft pries mit Scorpio eine Hardware an, die bislang nur auf dem Papier existiert. Da wurde nur so mit Teraflops um sich geworfen, die bei genauerer Betrachtung aber gerade mal ausreichen, um aktuelle Spiele in 4K statt in Full HD zu rendern. Für einen echten Generationssprung ist das zu wenig. Scorpio ist, wie auch die von Sony geplante PS4K, für eine kleine Gruppe von Pixelzählern interessant, denen Full-HD auf ihrem Fernseher nicht genügt – die Spiele sind die gleichen.

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Sony spielte wiederum das Mundwässrigmachen-Spiel mit seinen Exklusivtiteln, von denen nur der Name bekannt gegeben wurde. Symptomatisch war der Auftritt von Hideo Kojima, der lediglich einen kurzen nichtssagenden Trailer im Gepäck hatte. Er konnte aber weder sagen, worum es in dem Spiel geht, noch, zu welchem Genre es gehört oder wann es in etwa auf den Markt kommen soll. Solche Auftritte kann Sony sich sparen. Denn wie lange es von der ersten Ankündigung bis zum fertigen Spiel dauern kann, sieht man an "The Last Guardian", das nun sieben Jahre nach der ersten E3-Vorstellung (damals, 2009 ...) erscheinen soll. Die Hoffnung stirbt also zuletzt, dass Kojimas "Death Stranding" vor 2023 auf den Markt kommt.

Aber selbst wenn man einen "Exklusivtitel" nicht für seine heimische Hardware bekommt, muss man als Spieler nicht traurig sein, denn bis auf Nuancen gleichen sich die Spiele sowieso, auch wenn sie anders heißen. So könnte man bestimmt Zombie-Screenshots aus "Days Gone" (Sony), "State of Decay 2" (Microsoft) und "Dead Rising 4" (Capcom) austauschen, ohne dass es jemanden auffallen würde. Wer lieber auf Hacker und Androiden steht, hat die "Wahl" aus "Deus Ex" (Square Enix), "Watchdogs 2" (Ubisoft) oder "Detroit" (Sony), die sich alle irgendwie ähneln.

Gewiss haben besondere Spiele-Szenarios immer wieder ihre Moden, aber so gleichförmig wie in diesem Jahr sahen die vermeintlichen Blockbuster selten aus. Und wenn man dann alle Zeitalter durch hat, fängt man halt wieder mit dem Ersten Weltkrieg wie in "Battlefield 1" (EA) an. Das bedient sich zwar überaus geschmacklos eines historischen Bezugspunkts, ist letztlich aber genauso aufgeblasen unrealistisch wie eine Alien-Hatz in "Call of Duty: Infinite Warfare" (Activision) oder "Gears of War 4" (Microsoft). Die Namen unterscheiden sich, die Inhalte nicht.

Da ist es geradezu ein göttlicher Fingerzeig, dass all diese ausgelutschten Spielideen in VR nicht funktionieren, weil den Zockern davon schlecht wird. In der ersten Welle versuchen es Entwickler und PR-Strategen aber dennoch, ihren alten Wein in neue Schläuche umzufüllen. Aber auch Bethesda wird mit Fallout und Doom merken, dass es mit einer bloßen Portierung nicht getan ist, sondern sie sich komplett neue Spielmechaniken überlegen müssen.

Wenn sich aber in VR die gleichen Ballerspiele und Weltraumshooter unter der Flagge der gleichen Franchises wiederholen, egal ob nun "Star Wars" oder "Star Trek", dann wird VR kein neues Publikum erobern. Es werden die gleichen Zocker sein, die – nachdem der erste Hype verflogen ist – gelangweilt wieder zu ihren alten Spielen zurückkehren und sich der VR-Welle genauso amüsiert erinnern wie der Fuchtelspiele auf der Wii. Schade eigentlich. (hag)