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Kommentar: Schöne E-Books braucht die Welt

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E-Books sind alles mögliche, nur schön sind sie nicht. Ja, es stimmt, die Digitalisierung befreit gedruckte Bücher von einer ganzen Menge Ballast, im wahrsten Sinne des Wortes. Doch nicht alles, was dabei verloren geht, ist auch unnötig. Bücher sind viel mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Wörtern, gedruckt auf totem Holz. Ihre Gestalt ist Teil ihrer Natur, doch für E-Books galt das nie. Ihr Äußeres war immer getrennt vom Inhalt und abhängig von den Gerätschaften des Lesers.

Und das gilt seit dem Anfang: Das E-Book #1 ist die Gutenberg-Bibel der digitalen Bücher. 1971 tippte Michael Hart die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung ab und schuf damit das wohl erste elektronische "Buch" überhaupt. Sein Werk sollte eigentlich einen Ehrenplatz in der Vorgeschichte des Internets einnehmen, tut es aber nicht. Und das ist verständlich, denn im Gegensatz zu Gutenbergs Bibel ist es kein eigenes Kunstwerk, sondern der nackte Originaltext, befreit von jedweder Kunst.

Die erste Seite der Gutenberg-Bibel und das erste E-Book des Gutenberg-Projekts

(Bild: Wikimedia/Kindle-Screenshot)

Diese Nüchternheit begleitet E-Books seitdem. Mittlerweile sind sie jedoch kein Nischenprodukt mehr, sondern ein Massenmarkt. Der Branchenriese Amazon vermeldet immer neue Rekorde, auch in Deutschland. Trotz dieser wachsenden Verbreitung wird auf die Gestaltung der elektronischen Bücher immer noch kein Wert gelegt. Das muss aufhören, bevor es zu spät ist, denn auch bei E-Books gilt: Das Auge liest mit.

Der kleine Unterschied

(Bild: Kindle-Screenshot)

Die ersten E-Book-Reader, die weitere Verbreitung erfuhren, waren nicht viel mehr als bloße Anzeigemaschinen für Textdateien. Allen Inhalte verpassten sie die immer gleiche Schriftart, Illustrationen waren eine Seltenheit und sichtbare Sonderzeichen oder Worttrennungen reine Glückssache. Auf diese minimalistischen Geräte stellten sich die Inhalteanbieter ein. Neben den PDFs, die das Prinzip E-Book ad absurdum führen, verkauften sie lediglich simple Textdateien. Die bestanden offensichtlich nur aus eingescannten Versionen der gedruckten Bücher. Teilweise fehlten Leerzeichen und viel zu häufig gab es seltsame Tippfehler. Schön war und ist das nicht.

Während aber die Lesegeräte und der offene Epub-Standard weiterentwickelt wurden, treten die E-Books auf der Stelle. Bislang hatte es doch auch gereicht, einfache Textdateien anzubieten, sind sich alle Beteiligten offenbar einig. Es ist, als würden für all die Full-HD-Fernseher weiter nur VHS-Videokassetten verkauft. Ausnahmen gibt es viel zu wenige. Dass aktuelle Reader eingebettete Schriftarten, automatische Worttrennung, Vektorgrafiken oder mathematische Formeln beherrschen, wird höchstens in Testberichten erwähnt, der Leser bekommt das nur selten zu sehen.

Auf iBooks ist bereits die Anzeige von Formeln möglich, ohne dass auf Bilder zurückgegriffen werden muss.

(Bild: iPad-Screenshot)

Dabei sind schon lange keine Flickschustereien mehr nötig, um einmal über das deutsche Alphabet hinauszugehen oder in die Mathematik einzutauchen. Jetzt müssen die Anbieter nur nachziehen und die Inhalte entsprechend aufbereiten. Dass es sich lohnt und solche Werke in Erinnerung bleiben, zeigen herausragende gedruckte Beispiele wie "Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär" (Walter Moers) und "Gegen die Welt (Jan Brandt)".

Im Standard Epub 3 sind eine ganze Menge neuer Möglichkeiten vorgesehen und iBooks oder Readium zeigen, was sich damit alles bewerkstelligen lässt. Jetzt geht es darum, schöne elektronische Bücher zu verlangen. Denn wie mit Tinte auf totem Holz können für den Bildschirm zeitlose Werke entstehen, die wie die Gutenberg-Bibel als eigene Kunstwerke bestehen. (mho)

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