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Kommentar: Social-Credit-System könnte China etwas weniger repressiv machen

Immer aufdringlichere Überwachungstechnik könnte in China paradoxerweise die bürgerlichen Freiheiten stärken.

Kommentar: Big Data macht's auch nicht schlimmer

(Bild: MAGOZ )

Ab 2020 soll Chinas Social-Credit-System die Vertrauenswürdigkeit jedes einzelnen Bürgers bewerten. Das Rating basiert auf allen möglichen Daten, von den Einkaufsgewohnheiten bis hin zur Auswahl der Freunde. Es mag wie ein ideales Instrument für ein autoritäres Regime wirken, um seine Bürger zu kontrollieren. In diesem Fall aber könnte Big Data dazu beitragen, China (unabsichtlich) etwas weniger repressiv zu machen.

Obwohl Verallgemeinerungen gefährlich sind, ist es wohl angemessen zu sagen, dass chinesische und westliche Bürger Werte wie Privatsphäre, individuelle Rechte und Meinungsfreiheit unterschiedlich gewichten. Es ist nicht so, dass Chinesen diese nicht schätzen; es ist nur so, dass sie Wirtschaftswachstum oder Einkommen mehr schätzen. Auch im Westen sind die Menschen manchmal bereit, Rechte gegen andere Vorteile einzutauschen.

Yasheng Huang ist Professor für Internationales Management an der MIT Sloan School of Management.

Ein Grund für die unterschiedlichen Einstellungen: Noch in den 1980er-Jahren hatte das Wort "Privatsphäre“ in China eine negative Bedeutung. Chinesische Normen sind in 2000 Jahren konfuzianischer Kultur verankert, die intensive zwischenmenschliche Beziehungen propagiert. Eine Möglichkeit, Beziehungen zu festigen, besteht in Transparenz und vollständiger Offenheit. Was Geheimhaltung auslöst, ist in der Regel anstößig. Und wenn etwas gut ist, warum es dann nicht offen sagen? Privatsphäre wurde in diesem Zusammenhang mit der Bewahrung schmutziger Geheimnisse gleichgesetzt. Privat zu sein hieß unsozial zu sein.

Doch mit den sozialen Interaktionen haben sich auch die chinesischen Werte weiterentwickelt. Der Aufstieg von Big Data hat das Bewusstsein für die Privatsphäre weitaus mehr gestärkt als andere sozioökonomische Entwicklungen wie gestiegenes Bruttoinlandsprodukt, Globalisierung und Urbanisierung. Der Grund dafür: Big Data hat die persönliche Intimität der konfuzianischen Kultur aufgehoben. Auf WeChat kann man mit Tausenden Menschen befreundet sein, die man kaum kennt. Auf Alibaba lassen sich Geschäfte mit Leuten machen, die man nicht erkennen würde, wenn sie an die eigene Tür klopfen würden.

Die digitale Wirtschaft ist also unpersönlich wie nie zuvor. Als Folge ist der alte konfuzianische Gesellschaftsvertrag zerfallen, der auf die Festigung persönlicher Beziehungen setzt, indem man den Nachbarn alles erzählt. Obwohl Big Data die Privatsphäre bedroht, verschaffen sie ihr auch nie dagewesene Aufmerksamkeit. Auf lange Sicht könnte Big Data die Kraft sein, die Big Brother untergräbt.

Chinas Überwachungskultur existierte schon lange vor Big Data. In seinem Buch "The Government Next Door“ beschreibt Luigi Tomba, wie dieses politische Mikromanagement auf Ebene der Nachbarschaften funktionierte: Nachbarschaftskomitees mit halbstaatlichen Funktionen überwachten die Haushalte, meldeten Meinungsverschiedenheiten, lösten Konflikte, organisierten Petitionen und Proteste. Dies alles gehörte zu den Aufgaben älterer Frauen, die der ehemalige „Wall Street Journal“-Reporter Adi Ignatius den "kleinfüßigen KGB“ nannte. (Im traditionellen China wurden Frauen die Füße nach der Geburt zusammengebunden.)

Eine der wichtigsten Aufgaben des kleinfüßigen KGB war es, Chinas Ein-Kind-Politik durchzusetzen. Die Fruchtbarkeitsrate sank während dieser Phase von 1979 bis 2015 dramatisch, was die Wirksamkeit der Taktik belegt. Die Frage ist, ob unpersönliche Technologie besser oder schlechter ist als diese persönliche Form von Überwachung und Unterdrückung.

Im alten China waren drei bis fünf Haushalte durch gemeinsame Verantwortung miteinander verbunden. Beging ein Mitglied eine Straftat, wurden alle Haushalte bestraft. Während der Kulturrevolution wurden die Strafen für politische Dissidenten routinemäßig auf ihre unmittelbaren Familienangehörigen ausgeweitet. Das politische System kompensierte den Mangel an Daten, indem es Widerspruch auf breiter und harter Basis abschreckte.

Big Data wären eine Bedrohung, wenn chinesische Bürger ohne sie eine Fülle politischer und bürgerlicher Freiheiten hätten. Aber China bleibt eine repressive, autoritäre Gesellschaft – ob mit oder ohne Big Data. Technik hat die Unterdrückung präziser gemacht, und das könnte zumindest eine Verbesserung gegenüber wahlloser Unterdrückung sein.

Mehr zu dem Thema lesen Sie in dem neuen Oktoberheft von Technology Review (im gut sortierten Zeitschriftenhandel und im heise shop erhältlich). (Yasheng Huang) / (anwe)

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