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Kommentar: Sprich mit uns auf Augenhöhe, Apple!

Würde Apple nicht immer erst mit der Sprache herausrücken, wenn der Ärger schon da ist, sondern seine Nutzer wie verständige und mündige Menschen behandeln, wären alle Seiten besser dran.

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Apple, rede mit uns

Apple hat ein Kommunikationsproblem. Läuft etwas mit einem Produkt schief, wird geschwiegen, die Schuld bei anderen gesucht oder dem Nutzer gesagt, er mache etwas falsch ("You're holding it wrong!") oder habe die falschen Erwartungen ("Working as intended"). Jüngstes Beispiel ist die Leistungsdrosselung bei iPhones.

Seit Jahren treibt iPhone-Nutzer die Verschwörungstheorie Sorge um, Apple bremse mit jedem iOS-Update ältere iPhones aus, um die Besitzer zum Kauf eines neuen iPhones zu bewegen. Bislang gab es dafür bestenfalls anekdotische Belege, aber nichts, was als Vorsatz auslegbar wäre. Auf demselben iPhone durchgeführte Benchmarks zeigten zwischen iOS-Versionen keine nennenswerten Schwankungen.

Ein Kommentar von Benjamin Kraft

Benjamin Kraft schreibt im Hardware-Ressort der c't über PC-Komponenten, Peripherie und Macs. Daheim spielt er am Windows-Rechner, unterwegs hat er sein MacBook Pro dabei.

Bis jetzt. John Poole, Entwickler des Benchmark-Tools Geekbench, scheint die Theorie mit konkreten Daten zu untermauern: Die Ergebnis-Datenbank des Geekbench weist seit iOS 11.2 eine stärkere Streuung auf als zuvor – offenbar aufgrund reduzierter Taktraten. Also doch geplante Obsoleszenz?

Tatsächlich gibt Apple inzwischen zu, bei einigen iPhones mit schwächelndem Akku den SoC-Takt zu reduzieren – mal wieder erst, nachdem Nutzer bessere Performance nach einem Akku-Tausch bemerkten und daraufhin diverse Theorien ins Kraut schossen. Doch anstatt den Schritt und die Begründung deutlich zu kommunizieren, versteckt die Firma alles im Kleingedruckten der Release Notes und erklärt es nicht weiter.

Dabei hätte eine klare Ansage samt Einordnung allen Beteiligten viel Ärger erspart, denn das Vorgehen ist aus Apples Sicht durchaus nachvollziehbar: Lieber soll das iPhone ein wenig langsamer laufen als unvermittelt aussteigen. Und der Nutzer soll nicht mit einer eingeblendeten Meldung verunsichert werden, das iPhone könne aufgrund des Akkus-Zustands möglicherweise nicht seine volle Leistung entfalten. Die iOS-Bremse soll also eigentlich die Nutzbarkeit des iPhone verlängern und es nicht schneller obsolet machen.

Andererseits: Wer sich beim Design für einen nicht wechselbaren Akku entscheidet, muss auch mit den Konsequenzen leben. Dazu könnte eben die erwähnte Warn-Einblendung zum Akku-Status gehören. Oder der potenzielle Käufer wird bereits in den technischen Daten gewarnt, dass der Akku nach rund zwei Jahren nicht nur nicht mehr die volle Ladekapazität aufweist, sondern unter Umständen auch nicht mehr die volle Leistung liefert.

Stattdessen doktert Apple heimlich an der Software herum, deklariert die Vertuschung als Feature im Sinne einer besseren "User Experience" und zeigt seinen Kunden damit, dass es sie für unmündig hält. Doch wie soll man eine Entscheidung (kaufen oder nicht, Akku-Tausch jetzt oder später) treffen, wenn nicht alle relevanten Fakten auf dem Tisch liegen?

Außerdem bereitet die Firma so den Boden für neue Verschwörungstheorien, die noch nicht einmal unplausibel klingen. Kostprobe gefällig? "Apple will sich vor einem massenhaften Akku-Tauschprogramm drücken, wenn die Kunden innerhalb der Garantiezeit an der Genius-Bar auftauchen und auf die volle versprochene Performance pochen."

Also: Sprich mit uns auf Augenhöhe, Apple! (bkr)

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