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Kommentar: Stecker-Vielfalt – Der Irrsinn geht in die nächste Runde

Die Menschheit ist lernfähig. Nur bei Ladegeräten nicht. Zwar gibt es endlich fast einheitliche Steckernetzteile, aber bei den Kabeln treibt der Wildwuchs seltsame Blüten, findet c't-Redakteur Michael Link.

Kabelsalat

Im Laufe der Zeit sammeln sich zahlreiche Kabel an. Einige nur, weil sich Gerätehersteller nicht auf ein gemeinsames Format einigen können.

Bei meinem Umzug gab es unter den 92 Kisten eine besondere: Sie war wertvoller als die mit den persönlichen Unterlagen, denn sie enthielt dutzendweise Anschluss- und Ladekabel. Da einige von ihnen nicht mehr zu bekommen sind, wären die dazugehörigen Geräte – obwohl funktionierend – plötzlich Elektroschrott geworden. Mit Glück wären andere Kabel noch zu beschaffen, zum Teil aber zu happigen Preisen, die augenscheinlich dem Bund notleidender Kleinelektronikverkäufer ein Auskommen sichern sollen.

Die EU hätte dem Kabelsalat ein für alle Mal ein Ende setzen können. Schon 2009 setzte die EU erstmals auf eine Selbstverpflichtung der Smartphone-Hersteller, einheitliche Ladegeräte zu verwenden. 2012 einigte man sich ohne Apple sogar darauf, dass das geräteseitige Ende ein MicroUSB-Kabel sein sollte. 2014 goss die EU den Inhalt der Selbstverpflichtung in die neue EU-Richtlinie 2014/53/EU. Demnach seien ab 2017 einheitliche Ladegeräte vorgeschrieben. Das spare 51.000 Tonnen Müll, freuten sich EU-Offizielle. Ach ja, und die Smartphone-Kunden könnten sich den Kauf überflüssiger Netzteile sparen.

Im Grunde fing das auch gut an: Die Ladegeräte mit integrierten Exotenkabeln sind verschwunden und die Klötze, die man in die Steckdosen steckt, sind im Prinzip mit ihrer 0815-USB-Buchse universell verwendbar, sieht man von ihrer unterschiedlichen Eignung fürs Schnelladen einmal ab. Leider haben die Normenköche etwas nachlässig agiert. Denn in ihrem Text kommt nur das Wort Ladegerät vor. Nun finden einige Hersteller, dass das geräteseitige Anschlusskabel nicht mehr zum geregelten Bereich der Norm gehört. So gibt es auch weiterhin das, was die Norm aus Verbrauchersicht hätte gleich mit abschaffen können: Kabelwildwuchs.

Ein ordentlicher Schwung weiterer Kabel kam mit Smartwatches, Sportuhren und Schrittzählern. Jedes Wearable will ein Spezialkabel. Dazu führen die Hersteller teils abstruse Gründe ins Feld. Besonders beliebt: USB-Anschlüsse seien nun mal nicht wasserdicht. Eine Schutzbehauptung, denn es gibt durchaus Micro-USB-Buchsen, die 30-minütiges Untertauchen in 1 Meter Wassertiefe ermöglichen. Und deshalb sind auch verlierträchtige und lästige Stöpsel-Lösungen zum Verkorken der Ladebuchsen unnötig.

Auf technische Gründe beschränkt, wären allenfalls ein halbes Dutzend Verbinder nötig. Als Massenprodukt wären die dann auch besonders günstig im Preis. Doch weil es so ist, wie es ist, muss man weiterhin für jedes Spezialkabel beim Kauf draufzahlen und mehr noch bei der Wiederbeschaffung: Ein neues Kabel für den Fitbit Tracker Charge 2 kostet 20 Euro, genauso viel wie eine Ladeklemme für die Samsung Gear Fit 2 oder den Garmin Forerunner 235. Nicht gerade wenig für ein bisschen Kupfer und Plastik.

So nehme ich auch weiterhin auf jede längere Fahrt einen guten Schwung Kabel aus meiner Kollektion mit: Micro-, Mini-, Normal-USB, USB C, Typ A, Typ B, USB 2.0, USB 3.0, Lightning, iPhone 30-polig, Adapter von Gardena auf Gas, diverse Ladeklemmen für diverse Generationen von Wearables. Um daheim nicht den Überblick zu verlieren, habe ich die Kabel teilweise mit dem Namen des zugehörigen Gerätes markiert und sie an Aktenklammern aufgehängt. Und für die Zeit, bis die Regulatoren endlich das Anschlusskabel ins Visier nehmen, habe ich auch gleich vorgesorgt: mit einem Paket Aktenklammern in 100er-Größe. (mil)

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