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Kommentar: The Internet of Shitty Things

Heizungsthermostate, Brotkörbe, Kaffeemaschinen: Das Netz ist voll mit Dingen, die da nur Quatsch machen. Braucht kein Mensch. Das Internet of Things ist ein riesiger Haufen Scheiße, meint Clemens Gleich.

Kommentar: The Internet of Shitty Things

Der Roomba bleibt offline.

(Bild: heise online/Gleich)

In den letzten Monaten konnten selbst die größten Fetischisten von Nonsensmaschinen einen zügellosen Hass entwickeln auf das "Internet of Things". Botnetze in nie gekannter Größe fielen über Serverfarmen her wie die biblische Plage mit den Heuschrecken. Was diesen Hass jedoch in meinem Fall mindestens verdoppelt, ist der Umstand, dass es hier nicht um wichtige Infrastruktur oder Werkzeuge oder Arbeitsgeräte oder wenigstens gute Unterhaltung geht, sondern um Kruschtelscheiß ohne jeglichen messbaren Nutzen. Das Internet of Things ist ein riesiger Haufen Scheiße.

Den Grund dafür kennen wir alle: Es muss ein Gerät gebaut werden. Das braucht eine sichere Netzwerkverbindung. Zu Servern. An beiden Enden muss Software drauf. Krypto. Administration. Alles in superbillig, denn das Thing ist es ja ebenfalls. Und dann will der Chef ja auch immer noch seine dämliche Hintertür, die alle Sicherheitsarbeiten sinnentkernt. Es funktioniert nie. Es gibt keine fehlerfreien Systeme, es gibt maximal unentdeckte Fehler. Das ist leider überall so, aber es ist definitiv nicht überall so schlimm, denn die Entwickler geben sich schon unterschiedlich viel Mühe bei einer Cloud-Lösung für Profis im Vergleich zu hingeworfenen Spaghetti für diesen Plastikmüll.

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Ich brause durch einen Katalog der Dinge, die am Internet of Shitty Things teilnehmen könnten: Ein Heizungsthermostat lässt sich durchs Internet routen. Amazons Dash Button bestellt eine voreingestellte Ware nach. Die Außenkamera an der Klingel betreibt einen http-Server, damit man von überall auf sie zugreifen kann, obwohl man nur vom Haus aus darauf zugreifen muss. Eine Kaffeemaschine, die "Rezepte" für Kaffee (?) per WLAN entgegennimmt. Seit den Neunzigern wird uns ein Kühlschrank versprochen, der selbst Lebensmittel nachbestellt und weiß, was wann verfällt, und nebenher Spiegel Online DDoSd. Zum Glück geht dieser Kelch dann doch immer wieder an uns vorüber, auch wenn Samsung diese Idee gerade wieder vom Komposthaufen der Geschichte zurückholt. Spülmaschinen und Öfen sollen übers IP-Netz Push-Nachrichten an eine Smartphone-App schicken, auf der dann steht, dass der Durchlauf fertig ist. Allen Geräten gemein sind zwei Dinge: Erstens ihr nur mit den Pseudomethoden der Homöopathie messbarer Nutzen für den Endkunden und zweitens eine demgegenüber erschreckend überproportionale Datensammelwut seitens der Hersteller.

Damit man diesen Text nicht mit allgemeinem Kulturpessimismus verwechselt: Ich bin voll dafür, Blödelsarbeiten auch im eigenen Heim zu automatisieren. Die größten Hilfen dort waren seit jeher aber nicht möglichst viel herumkommunizierende Geräte, sondern Geräte mit größtmöglicher Autonomie. Wir benutzen in meinem Zuhause automatische Thermostate. Sie sparen Heizkosten. Dass ich zur Profileinstellung ans Gerät muss statt ans Smartphone stört deshalb nicht, weil ich das bisher nur zwei Mal musste: Einmal bei der Erstinstallation und einmal bei der Zweitinstallation nach dem Umzug. Lüften merkt das Ding automatisch. Dass es mangels Funkverbindung nicht mit den anderen coolen Kindern in Botnetzen mitspielen kann, empfinde ich als großen Vorteil für uns alle.

Wir haben auch einen Saugroboter, denn die Frau hält einen Hund. Er ist mein liebstes Stück Hausautomatisierung geworden. Er hat kein WLAN. Ich hatte noch nie das Bedürfnis, das Ding mit dem Smartphone fernzusteuern, denn dann ginge es schneller, den Handstaubsauger zu verwenden. Es bürstet die Hundehaare aus den Wohnräumen und fährt dann von allein zurück in die Ladestation, damit Menschen ihm den Behälter leeren und die Mechanik säubern. Was könnte ein Internet-Anschluss zu dieser Nützlichkeit beitragen? Man könnte erfahren, wo sich der Robo gerade befindet, mit Ladezustand, Fehlerspeicher, allem. Man könnte ihn vom Büro aus starten. Es gibt ja Modelle, die das anbieten. Sie sparen dir keine Sekunde Zeit, im Gegenteil. Und das gilt für alle Shitty Things: Ein automatischer Ofen kann sich einfach ausschalten, statt nach seiner Arbeit im Internet zu prokrastinieren. Eine Kaffeemaschine braucht ihre Brühanweisungen nicht über IP.

Lasst uns also alle überlegen, ob wir Herstellern egal aus welcher Branche Geld für einen Sack zusätzliche heiße Luft zum Backofen geben wollen. Über den Äpp-Wahn, bei dem jedes Gerät ein nutzloses Javascript mit Sonne-Wolken-Bildchen haben musste, sind wir ja auch größtenteils hinweggekommen. Wir haben alle sowieso schon zwei billige Dinge, die ins Internet gehen und dort gern Probleme machen: den Plasterouter und das wie auch immer ausgeführte Streaming-Gerät. Mit denen werden wir weiterhin genug zu tun haben. Für den Rest hätte ich gern ein vollkommen abgekapseltes Internet of Shitty Things, in dem das Geraffel seinen Scheiß dann alleine macht. Wahrscheinlich würde es außer den Werbedatensammlern niemand merken. (Clemens Gleich) / (vbr)

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