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Kommentar: Wearables-Betriebssystem? Baut lieber bessere Smartwatches!

Google hat ein Betriebssystem für Wearables vorgestellt und damit einmal mehr die Richtung vorgegeben. Dabei ist die Software derzeit gar nicht die große Schwachstelle der Smartwatches, kommentiert Nico Jurran.

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Kaum hat man als "Smartwatch-Beauftragter" der c't mal einen Tag frei, schon veröffentlicht Google mit "Android Wear" ein komplettes Betriebssystem für Wearables. Und damit nicht genug, gibt es die Ankündigung zwei passender Uhren von LG und Motorola gleich noch obendrauf.

Nun hat Wearables-Kollege und Google-Glass-Spezialist Jan-Keno Janssen mit einem lesenswerten Artikel heise online gerettet. Doch habe ich selbst die Initialzündung bei Smartwatches verpasst? Ist die Sache nun tatsächlich entschieden, der Drops gelutscht, der Zug für alle anderen abgefahren? Zumindest gibt es laut eines heise-online-Lesers jetzt "Stress in Cupertino". Wirklich? Ich glaube kaum. Denn so sehr ich Verbesserungspotenzial bei Smartwatches sehe, halte ich das beim Betriebssystem für vergleichsweise gering.

Ein Kommentar von Nico Jurran

Nico Jurran schreibt seit 2000 über Technik bei c't und heise online. Er kann sich seit seiner frühen Jugend für Computer und Heimkinotechnik begeistern. Nach dem Jurastudium arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt und freier Fachautor. Bei heise online und c't beschäftigt er sich vor allem mit (HD)TV/VoD, Hard- und Software für Musiker, Smartwatches und Sportuhren.

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Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich verstehe Googles Vorstoß – wobei für mich der Transfer des Bedienkonzepts von Google Now/Google Glass und Spracherkennung auf Smartwatches & Co keine Revolution ist, sondern ein logischer Schritt. Auch dass Google Android Wear nicht etwa nur auf der neuen Uhr der zwischenzeitlichen Tochter Motorola laufen lässt, ist nachvollziehbar: Das Unternehmen hat sich auf seine Rolle als Betriebssystemhersteller und Dienstebetreiber zurückbesonnen – und erleichtert so etwa klassischen Uhrenherstellern den Einstieg in die Welt der Smartwatches. Fossil soll ja schon an Bord sein. Android Wear dürfte also für eine Reihe neuer Smartwatches in den kommenden Monaten sorgen – und dafür, dass sich bald wieder viele aufregen, wie wenig sich einzelnen Modelle doch voneinander unterscheiden.

Doch bevor wie anfangen, über den Sinn und Unsinn von Google-Now-Cards zu diskutieren, darf man das Hauptproblem bei Smartwatches nicht aus den Augen verlieren: Vernünftige Displays ziehen aktuell für die kleinen Akkus zu viel Strom. Also haben die Modelle entweder eine hässliche beziehungsweise wenig brauchbare Anzeige oder müssen selbst bei "sparsamer Nutzung" täglich aufgeladen werden. (Kleiner Tipp an die Entwickler: Es gibt bereits bessere Lösungen als Micro-USB!). Und so ist es ernsthaft erwähnenswert, wenn eine Smartwatch durchgehend die Uhrzeit anzeigt. Wobei der dabei oft genutzte Stomsparmodus mit transreflektiven Displays einen faden Beigeschmack hat: Bei schummrigen Licht muss ich mein Handgelenk in den "richtigen" Winkel drehen, um die Uhrzeit ablesen zu können. Am ehesten Erfolg versprechen farbige E-Paper-Displays; an Qualcomms nicht ganz billiger Toq mit Mirasol-Display finde ich die seitliche Beleuchtung – Hinterbeleuchtung geht bei der Technik nicht – allerdings nicht sooo toll.

Angaben zur Moto 360 beziehen sich bislang vor allem auf Design und Betriebssystem, nicht jedoch auf die Laufzeit. Warum nur?

(Bild: Motorola)

Auch bei der verwendeten Funktechnik gibt es noch viel Luft nach oben – und damit spiele ich nicht einmal auf das leidige Thema "Bluetooth-Smart-Unterstützung bei Android-Smartphones" an. Generell laufen vielmehr die meisten Smartwatches nicht autark als "Handy-Uhren", sondern als Zubehör fürs Smartphone – nach dem Motto der Händler, die meist auch Handys produzieren: Mehr Kohle verdienen und nicht eine Produktgattung durch eine andere ablösen. An sich habe ich nichts gegen Verbindung: Ich muss dank smarter Uhr nicht mehr mein Handy gleich aus der Tasche ziehen, wenn eine Mail oder ein Anruf reinkommt, sondern kann schnell checken, ob sich die Reaktion überhaupt lohnt.

Nur muss eben eine Kopplung bestehen, damit die Verbindung der Uhr zu den Onlinediensten klappt. Und da sieht in der Realität aktuell recht düster aus: Lasse ich in unserer Altbau-Wohnung das Handy im Arbeitszimmer legen und gehe in die Küche, ist die Verbindung bereits futsch. Manche Modelle melden dann nur im Display oder gar nicht, dass ich das Eintreffen von Mails nun nicht mehr mitbekommen werde. Blöd. Andere vibrieren jedes mal, wenn ich die "Zone" verlasse oder diese wieder betrete – mit dem Ergebnis, dass ich ständig auf die Uhr gucke in dem Glauben, eine Nachricht erhalten zu haben. Mindestens genauso blöd.

Und selbst die generell "angebundenen" Smartwatches würde ich vielleicht gerne einmal in einem autarken Modus nutzen – etwa als Sportuhr, die selbst Sensoren per Funk koppelt. Über Bluetooth 4.0 ist dies jedoch problematisch, der Funkstandard kennt praktisch nur ein Entweder-Oder. Gefixt werden soll das mit Bluetooth 4.1, Uhren mit den passenden Chips sind aber nicht einmal angekündigt.

Ich möchte daher allen Herstellern nur eines auf den Weg geben: Entwickelt erst einmal die Hardware und das Grundkonzept ordentlich durch, dann können wir über die Feinheiten des Betriebssystems reden!

Meine leise Hoffnung ist, dass Apple nur deshalb noch nicht auf den Markt gekommen ist, weil sie eben noch an den genannten Problemen arbeiten. Denn so schön ich persönlich die angekündigte Motorola Moto 360 finde, so sehr besorgt mich die fehlende Angabe zur Laufzeit. Bei CNN war zuletzt schöner folgender Halbsatz zu lesen: "we'd expect that Motorola would like to get a full day's use from a single charge" – Nicht nur Motorola, CNN, die User auch! (nij)