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Kommentar: Wi-Fi 6 ist da? Eher Wi-Fi 5.9!

Die ersten Wi-Fi-6-Geräte sind jetzt im Markt. Doch die Kunden sollten besser warten, bis die Bananen auch reif sind, findet Ernst Ahlers.

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Bananen reifen beim Kunden. Was Sie bezüglich Software schon hundertmal gelesen haben, gilt leider aktuell auch beim WLAN: Nachdem die c't-Redaktion inzwischen sechs WLAN-Basen (Router und Access Points) mit zwei Client-Typen in vier verschiedenen räumlichen Konstellationen auf ihre Multi-User-Fähigkeiten geprüft hat, steht fest, dass Wi-Fi-6-Interessenten der teuren, neuen WLAN-Technik noch ein bisschen Zeit zum Reifen gönnen sollten.

Wi-Fi 6 will das gleichzeitige Bedienen mehrerer Clients per Multi-User-MIMO (MU-MIMO) mit der Übertragungstechnik OFDMA optimieren, sodass es im Gruppenbetrieb effizienter funkt als Wi-Fi 5. Leider ließ sich davon im Labor noch nichts finden: Fünf der Geräte funktionierten zwar anstandslos mit den beiden WLAN-Adaptertypen, aber einen nennenswerten MU-Gewinn konnten wir bei keiner Kombination messen.

Ein Kommentar von Ernst Ahlers

Nach ein paar Jahren im Anlagenbau und bei der c't-Mutter Elrad schreibt und testet Ernst Ahlers seit 1997 für die c't. Über PC-Hardware und Stromversorgung rutschte er ins aufkommende Thema Netzwerke und WLAN, das ihn bis heute und auch die nächsten Jahre wohl nicht loslässt: Mit der laufenden Einführung von IPv6 gibt es noch viele Bugs in Routern und Access Points zu entdecken.

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Das ist bedenklich, weil der Wi-Fi-5-Adapter gegen einen Wi-Fi-5-Router von 2016 mit aufgefrischter Firmware aktuell immerhin bis zu 81 Prozent MU-Gewinn schaffte: Drei Clients bekamen den 1,8-fachen Summendurchsatz gegenüber dem Mittelwert der Einzeldurchsätze. MU-MIMO funktioniert also prinzipiell, ebenso das c't-Testsetup.

Nun erschien Multi-User-MIMO bei Wi-Fi 5 (IEEE 802.11ac) zwar erst mit der zweiten Chipsatz-Welle anno 2016. Bei Wi-Fi 6 gehört MU-MIMO aber ab Start zu den im IEEE-Standard 802.11ax geforderten Features, wenn der AP vier oder mehr MIMO-Streams anbietet, wie die von c't getesteten Basen. Man darf sein Funktionieren also erwarten, Wi-Fi-Siegel hin oder her.

Beim sechsten AP konnten wir leider nicht prüfen, ob er bei Wi-Fi 6 schon MU-MIMO beherrscht. Die Basis rebootete regelmäßig, sobald sich unser AX200-Client mit 11ax-Datenraten zu verbinden versuchte – was der Support des AP-Herstellers im Nachgang als bekanntes Problem bestätigte. Stabil im Sinne von "taugt für den Alltagseinsatz" sieht anders aus.

Besonders ärgerlich in dem Zusammenhang: Die Wi-Fi Alliance propagiert für Wi-Fi 6 eine "fast vierfache Kapazität" gegenüber Wi-Fi 5, was einige WLAN-Geräteproduzenten unreflektiert in ihre Werbung übernehmen, obwohl sie es besser wissen müssten. Jede arglose Verbraucherin versteht die Formulierung nämlich als "ist viermal so schnell" und geht damit dreistem Marketing auf den Leim.

Wi-Fi 6 liefert einem einzelnen Gerät unter gleichen Randbedingungen tatsächlich mehr Durchsatz als Wi-Fi 5, aber es sind im Bestfall – Client und Basis liegen nah beieinander – 40 Prozent mehr, also das 1,4-fache. Dem Faktor 4 kommt man vielleicht beim Vergleich der Summenkapazität von Wi-Fi-6- und Wi-Fi-5-Funkzellen in bestimmten räumlichen Anordnungen von AP und Clients näher. Aber eine überall und immer gültige Alltagsregel ist das eben nicht. Wer die Tatsachen so sehr verdreht, darf sich über unzufriedene Kunden nicht wundern.

Apropos Streams: Da MU-MIMO bei Wi-Fi-6-Basen erst ab vier MIMO-Streams gefordert wird, gilt "fast vierfache Kapazität" schon mal gar nicht für WLAN-Router, die nur zwei Streams bieten, wie beispielsweise AVMs zur IFA präsentierten Neulinge.

Oops, Wi-Fi 5.9!

Es ist aber nicht alles schlecht im Hause WLAN. Mancher Hersteller gibt im Kleingedruckten wenigstens offen zu, dass seine neuen Wi-Fi-6-Geräte noch grün hinter den Antennen sind: "This router may not support all the mandatory features as ratified in Draft 3.0 of IEEE 802.11AX specification."

Frühe Käufer dürfen sich also darauf einstellen, dass die für effiziente Gruppenversorgung bei Wi-Fi 6 wichtigen Funktionen MU-MIMO und OFDMA erst mit einem Firmware-Update Einzug halten. Hoffentlich liefert der Hersteller das nach, damit aus dem teuren Wi-Fi-6-Router kein Türstopper wird. Und wenn dann in ein paar Jahren endlich genug Wi-Fi-6-fähige Smartphones, Tablets und Notebooks im Umlauf sind, klappts auch mit dem schnellen Gruppenfunk. (ea)