Kommentar: Wie Google Samsung aussaugt

Samsung durchlebt gerade eine Erfahrung, vor der der deutsche Maschinenbau warnt: Google macht sich jede Hardware untertan, mit der der Konzern in Berührung kommt. Wird der Suchriese zur realweltlichen Version der Borg aus dem Star-Trek-Universum?

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Von
  • Martin Kölling

Südkoreas Vorzeigekonzern Samsung hat keine leichte Zeit. Anfang des Monats schätzte der Multi, dass sein Betriebsgewinn im vergangenen Vierteljahr um ein Viertel niedriger als im Vorjahr ausgefallen ist. Das Zeichen für die Beobachter war klar: Nach Jahren der Rekordjagd wird Samsung langsam aber sicher vom Überflieger auf den Status eines sehr profitablen Elektronikkonzerns zurechtgestutzt. Schließlich schrumpfte der quartalsweise Betriebsgewinn zum dritten Mal in Folge.

Ein Kommentar von Martin Kölling

Martin Kölling lebt in Tokio und schreibt für Technology Review regelmäßig über Entwicklungen in Japan. In Asien kann er sein Faible für Technik austoben. Der einzige Fehler des hektischen Standorts: Wegen des ständigen Trommelfeuers an digitalen Neuheiten kommt er nicht oft dazu, die Tage gemütlich analog mit einem Buch ausklingen zu lassen.

Als einen Grund für den Einbruch gab der Konzern den wachsenden Wettbewerb im Smartphone-Geschäft an. Als absoluter Weltmarktführer bei Handys erwirtschaftet Samsung zwar noch immer eine Gewinnmarge, von der andere Hersteller nur träumen können. Aber viele Analysten warnen, dass die Koreaner stärker vom Preiskampf getroffen werden als Rivale Apple. Denn sie haben einen faustischen Pakt mit – sagen wir mal – "dem Google" geschlossen.

Vielleicht schreibt Google auch bald vor, wie man Smartphones zu bauen hat

Die Übernahme von Googles Betriebssystem Android hat sich zu Beginn der Aufholjagd zu Apples damals noch dominantem iPhone ausgezahlt, rächt sich aber jetzt. Google kassiert wie eine Spinne in seinem Finanz- und Handelsnetz ab. Samsung muss sich hingegen als Hardwarehersteller gegen eine wachsende Schar von Jägern wehren, wobei die Unterschiede der Telefone immer geringer werden, je mehr Hersteller Android verwenden.

Und es dürfte noch härter werden. Den nächsten Entwicklungsschritt macht Google jetzt selbst vor: Sollte sein Modulhandy-Projekt Ara Erfolg haben, schreibt der Internetriese der Welt vielleicht bald vor, wie man ein Handy – oder im Extremfall die Module – zu bauen hat.

Mir scheint fast, dass Google sich in eine realweltliche Version der Cyborg-Kommune aus dem "Star Trek"-Universum verwandelt. Alles, was mit Google in Kontakt kommt, wird vereinnahmt. In freier Anlehnung an die berühmte Aufforderung der Borg an andere Arten, sich ins Kollektiv einbauen zulassen: "Wir sind Google. Sie werden assimiliert. Widerstand ist zwecklos."

Zeit für Widerstand?

Übertrieben? Eher zugespitzt. Dem deutschen Maschinenbau schaudert davor, dass sich die Entwicklung bei Smartphones auch in ihrem Metier wiederholt. Die Firmen versuchen daher, die Zukunft zu gestalten, solange es noch geht: Stichwort Industrie 4.0. In Zusammenarbeit mit den Softwareherstellern versuche man Maschinen und IT zu verbinden, erklärte der Chef des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Reinhold Festge, kürzlich in Tokio.

Die Unternehmen treibt die Hoffnung, dass das neue Zeitalter mit neuen Produktionstechniken sie plötzlich aus dem Zwang der Massenfertigung ausbrechen lässt und es zu einer Renaissance des Mittelstands kommt. Aber Festge wittert eine Gefahr: Firmen wie eben Google, die sich mit ihrem Betriebssystem, ihrer Software immer weitere Teile der realen Wirtschaft unterwerfen. Smartphone, Autos – dann vielleicht Maschinen? Mit Boston Dynamics hat sich Google bereits einen technisch weit fortgeschrittenen Roboter-Hersteller einverleibt.

"Wir möchten die IT für uns nutzen und Entwicklungen anregen, die uns nützen", meint Festge. Denn ihn treibt die Sorge um, "dass wir sonst in die Abhängigkeit von Softwaregiganten geraten und die uns vorschreiben, wie wir unsere Maschinen zu bauen haben."

Wenn der Science-Fiction als Vorlage dient, gibt es wenigstens eine Chance, dass sich die Menschheit erfolgreich verteidigen kann. Doch vielleicht klappt es auch nicht. Denn Google geht ja weit weniger grobschlächtig und psychologisch geschickter vor als die Borg: "Don't be evil" gilt als Firmenmotto. Und statt zu drohen, lockt der Konzern mit den vielen Vorzügen, die die Nutzung seiner Software und Dienste bietet. Bisher haben sich schon viele Menschen und Industrien in den Sog von Google ziehen lassen, freiwillig zuerst, aber dann unwiderruflich. Zeit für Widerstand? (jlu)