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Kommentar: Wie geht es weiter mit der Wikimedia Foundation?

Der Rücktritt der Chefin der Wikimedia Foundation ist mehr als eine Personalie. Er offenbart mal wieder eine Krise der Organisation.

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(Bild: Wikimedia Foundation)

Zunächst einmal das Positive: Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia selbst ist nicht akut gefährdet. Die Organisation ist gut finanziert, die Server laufen besser als zuvor. Trotz Autorenschwund und sinkenden Abrufzahlen wachsen Wikipedia, Wikimedia Commons und Wikidata immer noch beachtlich.

Dennoch ist Lila Tretikovs Rückzug von der Spitze der Wikimedia Foundation mehr als eine einfache Personalfrage. Die einstige Hoffnungsträgerin hat mit ihren Management-Entscheidungen eine Schneise in die US-Stiftung geschlagen. Viele bekannte Mitarbeiter sind im vergangenen Jahr gegangen. Ihr Beitrag zur Wikipedia-Community wird der Stiftung in Zukunft fehlen wenn es darum geht, kompetent Entscheidungen zu treffen und sie gegenüber den kostenlos arbeitenden Wikipedianern zu vertreten.

Die Vorwürfe gegen die eigentlich in Open-Source-Communities erfahrene Tretikov sind vielfältig: So berichtet Os Keyes aus dem umstrittenen "Discovery"-Team, dass es im vergangenen Jahr nur Stress, Verluste und ein angstgeprägtes Betriebsklima gegeben habe. Andere Mitarbeiter beklagen ständige Strategiewechsel, Umorganisationen und eine verfehlte Informationspolitik. In einer Umfrage unter den Mitarbeitern Ende 2015 erklärten sich nur jeder zehnte mit der Führung der Stiftung zufrieden. Der Entwickler Kunal Mehta fasste die Stimmung in der Wikimedia-Zentrale vor einigen Tagen in seinem Blog so zusammen: "Ich werde die Wikimedia-Bewegung immer lieben, aber von der Wikimedia Foundation im jetzigen Zustand kann ich das nicht mehr sagen." Er fühle sich machtlos und habe nur deshalb nicht gekündigt, weil er keine anderen Optionen habe.

Lila Tretikov die alleinige Schuld an der Misere zuzuschieben, wäre jedoch falsch. So war in den letzten Wochen zunehmend auch das Board of Trustees in die Kritik gekommen. Dass das höchste Entscheidungsgremium der Wikimedia Foundation einen ehemaligen Google-Manager in seine Reihen berufen konnte, ohne zu wissen, dass er in den Gehaltsabsprachen-Skandal im Silicon Valley verwickelt war, kostete das Gremium viel Glaubwürdigkeit. Ebenso können viele Wikipedianer immer noch nicht nachvollziehen, warum der von der Wikipedia-Community gewählte James Heilman Ende Dezember entlassen wurde. Allerdings stellt sich die Frage: Wie effektiv kann ein Gremium von Ehrenamtlichen eine Organisation mit 300 Angestellten kontrollieren, die zudem ein weltumspannendes Projekt am Laufen halten muss?

Das Board of Trustees ist nun mehr denn je gefordert. Neben der Suche nach einer neuen Führung muss das Gremium auch den derzeitigen Kurs der Foundation unter die Lupe nehmen sowie die eigenen Entscheidungsprozesse. Jimmy Wales hat inzwischen angekündigt, nach San Francisco zu reisen um mit allen Beteiligten zu reden. Der Unternehmer hatte die Wikimedia Foundation einst gegründet, um der Community die Herrschaft über die Online-Enzyklopädie in die Hände zu geben. Nun will er eine Führungsrolle übernehmen, um die gröbsten Brüche zu kitten. Dazu wird er aber viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, auch sein Ruf hatte Schaden genommen.

Nicht nur in der Wikimedia Foundation, auch in der in den Projekten der Stiftung hat sich in den letzten Jahren der Reformbedarf aufgestaut. Zwar wird jetzt endlich darüber abgestimmt, den Visual Editor nun endlich auch Neulingen automatisch zur Verfügung zu stellen - zehn Jahre nachdem die Notwendigkeit eines solchen Editors erkannt wurde. Auch die Mobilversion hat große Fortschritte gemacht und macht die Enzyklopädie besonders in Entwicklungsländern zugänglicher. Doch offene Baustellen gibt es genug. So steht die kollaborative Nachrichtenplattform Wikinews seit Jahren auf dem Abstellgleis -- und wartet dort auf einen neuen Wachstumsimpuls oder die unvermeidliche Schließung.

Die interne Diskussion der Wikipedianer über Dutzende von Mailinglisten und Wikipedia-Diskussionsseiten ist oft sehr ineffektiv und ermüdend. Zwar sind im Prinzip alle Beiträge dauerhaft für jedermann nachzulesen, doch die Diskussion zerfasert sehr schnell, so dass im Zweifelsfall niemand mehr einen Überblick hat, was beschlossen wurde und welche neuen Vorschläge existieren. So ist es kein Wunder, dass ausgerechnet eine Diskussionsgruppe auf der bei Wikipedianern ungeliebten Plattform Facebook in den letzten Wochen zur Sammelstelle der Informationen zur Lage in der Wikimedia Foundation wurde.

In der derzeitigen Krise tauchen auch alte Ideen und Konflikte wieder auf. So wird vorgeschlagen, die Wikimedia Foundation, die heute weitgehend sich selbst verpflichtet ist, in eine Mitgliederorganisation mit demokratisch legitimierten Gremien umzuwandeln. Eine Stiftung, die formell nur sich selbst verpflichtet ist, genügt vielen nicht mehr. Die Wikipedianer müssen sich auch entscheiden, ob sie unbedingt nach Wachstum streben wollen, oder ob sie neue Wege finden, bei gesunkenen Leserzahlen ihren Anspruch zu erfüllen, der sie seit Gründung vorantreibt: Das Weltwissen zu versammeln und möglichst vielen Menschen zur Verfügung zu stellen.

Optimistisch stimmt nur der engagierte Umgang vieler Wikipedianer mit der Krise. Als die offizielle Kommunikation zum Erliegen kam, sprang zum Beispiel der Community-Newsletter Signpost in die Bresche, brachte unbekannte Fakten ans Licht und initiierte eine informierte Diskussion. Andere Wikipedianer beteiligten sich an der Informationssuche und schufen zum Beispiel eine anschauliche Timeline der Ereignisse. Beleidigungen, Drohungen oder gar sexistische Beschimpfungen waren -- ganz anders als in vielen anderen Communities zu Krisenzeiten -- nicht zu hören. (Torsten Kleinz) / (dwi)

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