Kommentar: Wir stehen vor einer ungezügelten Expansion der Hochschulbildung

Studiengänge für nachhaltiges Rasenmanagement oder Lerntherapie lösen nicht die eigentlichen Probleme, meint Prof. Manfred Stock.

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(Bild: dpa, Jan Woitas/Archiv)

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Die Zahl der Akademiker in Deutschland nimmt stetig zu. 2011 hatte erstmals die Anzahl der Studienanfänger die Anzahl derjenigen überschritten, die eine Berufsausbildung begannen. Das ist ein Fakt. Die Meinungen dazu, ob das gut oder schlecht zu bewerten ist, sind jedoch geteilt.

TR 4/2020

Diese Entwicklung verfehle den Qualifikationsbedarf der Wirtschaft und sei daher abzubrechen, mahnen Stimmen aus Politik und Wissenschaft. Sie befürchten eine "Überakademisierung" des Arbeitsmarktes. Im Gegensatz dazu bescheinigen OECD-Studien Deutschland eine vergleichsweise unterdurchschnittliche Bildungsbeteiligung im Hochschulbereich. Das führte zur Forderung von Vertretern der Hochschulpolitik – im Interesse des "Wirtschaftsstandorts Deutschland" –, den Anteil der Studenten zu erhöhen.

Manfred Stock ist Professor für Soziologie der Bildung an der Martin-­Luther-Universität Halle-­Wittenberg.

(Bild: M.Glöckner/MLU Halle-Wittenberg)

Derzeit liegt die Studienanfängerquote bei etwa 56 Prozent. Untersuchungen zeigen, dass die Hochschulpolitik diese Tendenz kaum beeinflussen kann. Es wird zwar immer wieder vor allem von konservativer Seite verlangt, die Anzahl der Studienplätze an einem Qualifikationsbedarf auszurichten, der in der Arbeitswelt entstünde. Allerdings lässt sich dieser Bedarf nicht prognostizieren. Zudem gelingt es nur in Ausnahmefällen, den Zugang zu bestimmten Studienfächern zu beschränken. Die verfassungsmäßig garantierten bürgerlichen Teilhaberechte stehen einer solchen Steuerung grundsätzlich entgegen.

Wir haben es daher zurzeit mit einer weitgehend ungezügelten Expansion der Hochschulbildung zu tun, die vor allem einem folgt: dem individuellen Interesse der jungen Leute. Studienanwärter orientieren sich bei ihrer Entscheidung für einen bestimmten Studiengang zumeist nicht an künftigen Verwertungsmöglichkeiten in der Arbeitswelt. Sie sorgen also nicht als aggregierte "rationale Entscheider" für die Anpassung der Studiennachfrage an das Arbeitsplatzangebot. Wer fordert, diese Expansion – wie auch immer – zu beenden, verweigert unserer Jugend, ihren Interessen nachzugehen. Seinen Neigungen zu folgen ist offenbar ein Erfolgsmodell: Entgegen allen Befürchtungen sind die Beschäftigungsmöglichkeiten für Akademiker auch bei steigenden Absolventenzahlen nicht schlechter geworden. Das zeigen Arbeitslosenstatistiken und Untersuchungen zur Platzierung von Hochschulabsolventen in der Arbeitswelt. Akademiker werden relativ reibungslos von der Arbeitswelt absorbiert. Sie sind kaum von Arbeitslosigkeit betroffen, ihre Platzierung in den Arbeitsorganisationen hat sich kaum verschlechtert, und das Einkommensgefälle gegenüber den anderen Qualifika­tionsgruppen hat nicht ab-, sondern sogar zugenommen.

Kein Problem also? Die derzeitige Situation ist nicht Resultat einer "bedarfsgerechten" staatlichen Steuerung. Vieles deutet hingegen darauf hin, dass sich die Arbeitswelt an die Absolventen anpasst. Bestärkt durch die Bologna-Reform werden die Studiengänge immer anwendungsorientierter. Sie greifen zumeist auf das theoretische Wissen unterschied­licher Disziplinen zurück. Die Idee dahinter ist, dass sich bestimmte Handlungsprobleme in der Arbeitswelt unter "Anwendung" dieses Wissens lösen ließen. Das definiert berufliche Handlungsprobleme um oder erzeugt neue, für die dann die Absolventen der neuen Studiengänge als legitime Problemlöser zur Verfügung stehen.

Zwei Beispiele: Derzeit werden Studiengänge für Lerntherapie eingerichtet. Lernprobleme von Schülern gelten von jetzt an nicht mehr als pädagogische Probleme, für deren Lösung Lehrer sorgen. Sie gelten ab einem bestimmten Grad als Ausdruck von psychischen Störungen. Diese Störungen bedürfen der Diagnose und einer Therapie, für die dann allein die Lerntherapeuten zuständig sind. Oder es werden in Deutschland Studiengänge für "Nachhaltiges Rasenmanagement" eingeführt. Damit wird die Rasenpflege zu einem Problem, das nur mithilfe akademischen Wissens angemessen bewältigt werden kann. Die Erfahrung eines altgedienten Platzwarts wird dadurch delegitimiert – wobei der Platzwart längst vom Greenkeeper abgelöst wurde. Für Bundesligavereine oder Golfplätze liegt es dann nahe, statt eines Greenkeepers einen akademisierten Rasenpfleger einzustellen.

Daraus folgt allerdings nicht, dass sich berufliche Probleme nun tatsächlich besser lösen lassen. Für Bereiche, deren Probleme auf der Grundlage von Techniken zu lösen sind, mag dies zutreffen. Techniken sind funktionierende Simplifikationen. Sie gehen von naturwissenschaftlichen Gesetzen aus und koppeln isolierbare Ursachen und Wirkungen. Sehr viele Berufs­bereiche, von Kindererziehung über soziale Arbeit bis zum unternehmerischen Entscheiden, entziehen sich aber weitgehend einer solchen Technisierbarkeit. Bemerkenswert ist, dass die Anzahl der Studiengänge und der Studierenden gerade für ­diese Bereiche zunimmt. Im Bemühen, auch hier im Studium ein wissenschaftliches Wissen zu vermitteln, das sich in berufliches Handeln umsetzen lässt, wird häufig auf das trivialisierende technische Schema zurückgegriffen. Dies löst aber nicht die eigentlichen Probleme in diesen Berufen.

(jle)