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Kommentar: Xbox One - Horch und Guck im Wohnzimmer

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Der erste Eindruck ist oft entscheidend. Bei der Vorstellung der Playstation 4 stellte Sony die Spiele in den Mittelpunkt und ließ Details wie die Gehäuseform außen vor. Microsoft konzentrierte sich hingegen auf die Fernseh- und Internetfunktionen sowie die Kinect-Bedienung der Xbox One. Bei den Spielen gab es lediglich ein paar aufgewärmte Fortsetzungen und kurze Trailer zu sehen. Nichts, was passionierte Spieler überraschte.

Es ist Microsofts Abschied von der klassischen Spielkonsole. Der Name, die Gehäuseform und der Funktionsumfang sprechen die Sprache einer Settop-Box. Man hätte auch komplett auf die Marke "Xbox" verzichten und sie "Mediacenter One" nennen können, aber der Marketingname "Mediacenter" ist nach dem Flop der Wohnzimmer-PCs verbrannt.

Statt einen eigenen Digital-TV-Empfänger mitzubringen, kann die Xbox One das HDMI-Signal eines externen Receivers nutzen. Der muss allerdings die Live-TV-Funktionen der Xbox offiziell unterstützen. Das mag in den USA funktionieren. In Deutschland bringen jedoch die meisten Fernseher ("Smart-TVs") bereits alle nötigen Empfänger mit und können neuerdings sogar Sendungen aufzeichnen – wer braucht da noch eine externe Fernsehbox? Zudem müsste sich Microsoft auf dem hiesigen zersplitterten Markt mit einer Vielzahl von Anbietern abstimmen. Google ist daran mit seiner TV-Box bislang gescheitert. Ob Microsoft es besser macht, steht in den Sternen, erscheint aber doch sehr fraglich.

Damit die Kinect auf Zuruf reagieren kann, muss sie permanent alle Personen im Wohnzimmer überwachen. Derweil hält die Xbox One eine Verbindung ins Internet, auch im Standby.

(Bild: Microsoft)

Die neue Kinect-Kamera nutzt ihre höhere Full-HD-Auflösung primär dazu, ihr Sichtfeld zu vergrößern. Das spart das Möbelrücken vor einem Kinect-Spiel, weil man nun direkt vor der Kamera herumhüpfen kann. Doch der Zauber derartiger Bewegungsspiele ist bereits auf der jetzigen Xbox 360 verflogen. Und eine Gestensteuerung ist generell weder "natürlich" noch "effizient" – sie ist wesentlich umständlicher als den Knopf einer Fernbedienung zu drücken. Deshalb setzt die Kamera schon jetzt in vielen Wohnzimmern Staub an, neue aufregende Bewegungsspiele sind nicht in Sicht. Was die Kinect der Xbox One an dieser Situation verändern kann und welche neuen Spielideen sie ermöglicht, davon war auf der Präsentation nichts zu sehen.

Stattdessen holt man sich eine Überwachungskamera ins Wohnzimmer, deren Mikrofone ständig mithören. Es könnte ja jemand "Xbox on" rufen, und dann muss das System ganz schnell aufwachen und den Fernseher und AV-Receiver einschalten. Microsoft selbst will die durch die Überwachung gewonnenen Informationen für "personalisierte Angebote" nutzen. Damit lässt sich vor allem in der Werbung viel Geld verdienen, aber auch beispielsweise bei personalisierten Filmangeboten.

Es dürfte allerdings auch nur eine Frage der Zeit sein, bis sich Hacker in die Always-On-Konsole eindringen und mitschneiden, was im Raum passiert. Natürlich weckt so ein System auch Begehrlichkeiten der Geheimdienste, durch ein virtuelles Schlüsselloch mithören und -schauen zu dürfen. Angesichts der aktuellen Homeland-Security-Gesetzeslage in den USA darf man getrost davon ausgehen, dass die NSA einen solchen Zugang bekommt. Da werden nicht nur Datenschützer "Xbox go home" rufen. Microsoft hätte keinen passenderen Sprachbefehl zum Wechsel ins Hauptmenü der Xbox One wählen können.

Mit der Xbox One hat Microsoft eine eierlegende Wollmilchsau präsentiert, die Gefahr läuft, alles ein bisschen, aber nichts richtig zu können. Dabei hätten die Redmonder den spielerischen Vergleich mit der Playstation 4 nicht zu scheuen brauchen. Die Hardware der Xbox One unterscheidet sich nur in einigen Details von der PS4, beispielsweise der Speicheranbindung. Man wird den Spielen wie bei der PS3 und Xbox 360 kaum ansehen können, ob sie auf einer PS4 oder Xbox One laufen. Auch in puncto Internetanbindung, Cloud-Angebote, Download-Dienste und Einbindung in soziale Netzwerke sind die Geräte vergleichbar. Auf beiden Systemen muss man die Spiele von einer Disc auf die Festplatte installieren und mit dem persönlichen Account verknüpfen. Je nach Hersteller wird es dann noch zusätzliche Anbindungen und Sicherheitschecks geben, sei es Ubisofts Uplay oder EAs Origin. Und: Weder auf der Xbox One noch auf der PS4 laufen Spiele der Vorgänger-Generation. Sony will letztere irgendwann später aus der Cloud streamen. Wie viel das kosten wird, bleibt abzuwarten.

Damit gibt es für Konsolenspieler keinen Grund, einem Hersteller treu zu bleiben. Playstation-Besitzer können in der nächsten Generation zur Xbox wechseln und umgekehrt. Einen Coup hätte Microsoft landen können, wenn sie der Xbox One erlauben würden, PC-Spiele laufen zu lassen (oder: Xbox-One-Spiele auf Windows-PCs). Technisch wäre das kein Problem: Die Hardware hat die gleiche x86-Architektur und in der Virtuellen Maschine läuft neben dem Xbox-Betriebssystem auch ein Windows-Kernel. Doch hier überlassen sie Valve das Feld, die mit der Steam Box zu den Konsolenherstellern aufschließen wollen und mit einem riesigen Katalog an PC-Spielen wuchern.

Was den Ausschlag für die eine oder andere Konsole ausmachen wird, sind die Preise für die Hardware und offenbar unvermeidlichen Online-Abos, sowie das Angebot an Exklusivtiteln. Bei letzteren versprach Microsoft 15 Spiele aus eigener Produktion, konnte aber nur von einem einen flüchtigen Trailer präsentieren. Ganz anders Sony, die nicht nur ihre eigenen Kreationen in Aktion zeigten, sondern auch kleinere Indie-Titel. Da hat Microsoft auf der kommenden Spiele-Messe E3 großen Nachholbedarf, die Spiele in den Fokus zu rücken. (hag)

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