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Kommentar: #deletefacebook ist auch nicht die Lösung

Nach dem Datenskandal hat Facebook das Vertrauen vieler Nutzer verloren. Auf Twitter macht der Hashtag #deletefacebook die Runde – doch müssen wir jetzt wirklich ohne Facebook auskommen?

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Kommentar: #deletefacebook ist auch nicht die Lösung

Schon vor einer Weile hatte ich ein ungutes Gefühl, irgendwie. Ich beschloss, meine vielen Facebook-Einträge aufzuräumen. Dann beschloss ich, sie gleich zu löschen. Alle Fotos, alle Status-Updates, alle "Gefällt mir"-Angaben: weg damit! Ich löschte jahrelange Arbeit, ein stattliches Archiv, mein Online-Tagebuch. Was hat mein Ich nur vor fünf Jahren gedacht?, dachte ich, als ich meine alten Texte las. Nach dem Reinemachen fühlte ich mich gut, wie nach dem Staubsaugen, wenn die Wollmäuse (und Spinnen) verschwunden sind. Die vielen "Gefällt mir"-Angaben ließ ich allerdings bleiben, denn es war bereits spät und ich musste noch drei, vier Folgen The Walking Dead gucken.

In dieser Woche hat Facebook mit einem massiven Datenskandal zu kämpfen: 50 Millionen Profile sollen betroffen sein. Ihre "Likes" wurden abgesaugt und offenbar für den Wahlkampf missbraucht. Selbst die naivsten Nutzer ahnten, dass sie Facebook vielleicht zu viel verraten haben. Nur raus da, dachten dann viele, auf Twitter machte der Hashtag #deletefacebook die Runde. (Was mich wiederum an #deletevero erinnerte; was macht Vero eigentlich?)

Ein Kommentar von Daniel Berger

Daniel Berger schreibt seit 2013 für c't und heise online. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Blogs, Browsern und sozialen Medien. Außerdem befasst er sich mit Webentwicklung und obskuren Content-Management-Systemen.

Zugegeben: Es fühlte sich nie wirklich gut an, dem Netzwerk allzu viel zu verraten. Trotzdem habe ich dort Urlaubsfotos hochgeladen ("Guck mal, ich bin in Tokio!!"), Kommentare geschrieben ("Hahaha, nice!!") und Likes verteilt (auch an The Walking Dead). Vielen Nutzern dürfte nicht mal klar sein, dass das soziale Netzwerk sie sogar auf externen Webseiten verfolgt. Facebook weiß, was du letzten Sommer getan hast. Und eben gerade. Und vor einer Stunde. Die Nutzer mussten sich einfach darauf verlassen, dass das Unternehmen die Informationen schon sicher verwahren würde. Es ging um Vertrauen – das Facebook nun massiv gebrochen hat.

Der Deal war nun mal: Facebook bekommt einige Daten von mir und ich bekomme dafür ... ja, was eigentlich? Tolle Werbung? Ein fantastisches "Nutzer-Erlebnis"? Eine kurzweilige Unterhaltung, wenn mir in der Bahn mal wieder langweilig ist? – Ist es das überhaupt wert? "Nee!", kreischen die Leute, die Facebook gern "Fratzenbuch" nennen. Diese Leute brauchen kein soziales Netzwerk, sie können sich nun zurücklehnen und über die naiven Nutzer lachen. (Dann gehen sie zu Google und suchen erotisches Bildmaterial, ja ja.)

Ist #deletefacebook nun die Lösung? Nein. Es ist nun mal nicht leicht, einfach zu gehen. Das geht auch bei der Facebook-Tochter WhatsApp nicht, denn meine Großeltern sind dort, meine Eltern, meine Freunde. Sie alle sind auch bei Facebook (nur meine beiden Offline-Omas nicht). Ich will mich von ihnen nicht abkapseln und ich kann sie nicht alle dazu bringen, einem offenen, dezentralen Netzwerk beizutreten: "Mama, tritt doch mal einer Mastodon-Instanz bei!" – "Häää? Ich mag diesen Progressive-Metal-Krach nicht!"

Facebook ist keine neutrale Plattform und kein kleines Start-up für Spinner mehr – Facebook ist längst Teil des normalen Lebens. Facebook wirkt und Facebook hat Macht. Das muss endlich auch Mark Zuckerberg begriffen haben. Sein Netzwerk ist auch unseres; mehr als zwei Milliarden Menschen sind bei Facebook aktiv (Monthly Active Users). Die können jetzt nicht einfach ihre Accounts löschen – das würde es Zuckerberg auch zu leicht machen. (Ein leergefegtes Zombie-Netzwerk macht wenig Ärger.)

"Ich habe Facebook gestartet und am Ende des Tages trage ich die Verantwortung dafür, was auf unserer Plattform geschieht", schrieb Zuckerberg nun nach langem Schweigen. Es tue ihm leid. Schöne Worte, doch jetzt müssen auch Taten folgen. Der Facebook-Boss muss sich anstrengen, um das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen. Und die Menschen müssen darüber diskutieren, wie Facebook eigentlich funktioniert – und funktionieren soll. Bis dahin lösche ich allerdings meine "Gefällt mir"-Angaben. Sorry, Walking Dead.

Zum aktuellen Stand des Facebook-Skandals um die von Cambridge Analytica abgezogenen User-Daten:

tipps+tricks zum Thema:

(dbe)

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