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Kommentar pro FCC-Regeln: Netzneutralität ist ein Gemeingut

Die FCC hat endlich eindeutige Regeln für ein offenes Internet niedergeschrieben. Gut so, denn offenbar haben einige Manager vergessen, dass ihre Firmen lediglich Nutznießer jahrzehntelang staatlich finanzierter IT-Forschung sind.

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Kommentar pro FCC-Regeln: Netzneutralität ist ein Gemeingut

Die US-amerikanische Regulierungsbehörde FCC hat in einem weltweit mit Spannung beobachteten Verfahren neue Regeln für ein offenes Internet verabschiedet. Netzbetreiber dürfen keine Websperren errichten, keinen fremden Datenverkehr drosseln, und für rechtmäßige, also technisch sinnvolle Priorisierung fremden Verkehrs kein Geld verlangen. Diese Entscheidung kann man nur begrüßen – auch wenn die US-Netzbetreiber dagegen Sturm laufen und sich Ähnliches ja auch in Deutschland und Europa abzeichnet.

Beispielsweise behauptet die Telekom, dass Netzneutralität in Wahrheit die Privilegierung großer US-Internetkonzerne sei, und möchte gern Datenströme fremder Unternehmen zu Gunsten der eigenen Angebote bremsen. Es sei denn natürlich, sie bekommt von den Anbietern Geld für die Durchleitung etwa von Amazons Instant-Videos oder Netflix-Filmen. In die gleiche Kerbe hauen US-Netzbetreiber, wenn sie sich dagegen wehren, Datenströme fremder Inhalte-Anbieter, etwa YouTube-Content, genauso zu behandeln als wäre es ihr eigener. Ein Großteil der US-Netzbetreiber sind nämlich Kabelanbieter, die bisher mit ihren TV-Inhalten ziemlich gut verdient haben. Jetzt graben ihnen Netflix & Co das Wasser ab.

Ein Kommentar von Dušan Živadinovic

Dušan Živadinovic wechselte Anfang der 90er Jahre aus der Forschung und von der Universitäts-Micro-VAX zum Journalismus und auf handlichere PC-Systeme. Aus dem Computer-Pleistozän bringt er Erinnerungen an die Amiga-Ära mit, als c't-Redakteur und Ressortleiter Netzwerke widmet er sich hauptsächlich Kommunikations-, Netzwerk- und Serverthemen.

Doch die Entscheidung der FCC, das Internet wichtiger zu nehmen als eine Handvoll Firmen, die Teile der US-Infrastruktur betreiben, ist vollkommen richtig. Sie reflektiert lediglich, was ohnehin unausgesprochener Konsens ist: Das Internet ist ein Gemeingut, das gerade dadurch bedeutsam geworden ist, dass jeglicher Informationsfluss gleichberechtigt ist. So soll es auch bleiben.

Offenbar ist bei einigen Managern aber in Vergessenheit geraden, dass ihre Unternehmen ein fertiges Konzept übernehmen durften und nun weitgehend frei bewirtschaften. Dabei profitieren sie von den Ideen und der Kärrnerarbeit, die über Jahrzehnte im – staatlich finanzierten – universitären Umfeld der westlichen Industrieländer geleistet worden sind. Ohne die gäbe es das Web nicht. Sämtliche heutige Entwicklung gründet auf den TCP/IP-Protokollen der 70er Jahre. Und erst als die amerikanische National Science Foundation 1990 beschloss, das Internet für kommerzielle Zwecke freizugeben, wurde es öffentlich zugänglich.

Auch in Deutschland waren Universitäten die Keimzellen des Internet. Aus dem ehemaligen Dortmunder Forschungsprojekt EUnet entstand in Deutschland der erste kommerzielle Internet-Provider. Über Zwischenschritte ging die damalige EUnet GmbH im heutigen US-Unternehmen Verizon auf, das sich ebenfalls gegen die neuen Regeln der FCC stemmt – also genau genommen gegen die Regeln, die zur Gründungszeit des Internet noch ungeschrieben waren, aber die Entstehung solcher Unternehmen überhaupt erst möglich machten.

Inzwischen wollen viele Netzbetreiber die Richtung vorschreiben und ignorieren ihren schlitzschmalen Blickwinkel – es geht ganz offensichtlich um geschäftliche Interessen, wenn sie jetzt fordern, fremden Verkehr zu Gunsten des eigenen abregeln zu dürfen oder für Gleichbehandlung abkassieren zu dürfen. Wenn sie diese Absichten umsetzen – Wegezölle und Schranken nach Gutdünken – käme das indirekt einer Bevormundung der Kunden gleich. Sie bezahlen zwar die Infrastruktur mittels ihrer Gebühren, sollen aber nicht mehr frei von der weltweiten Fülle schöpfen dürfen, sondern den gerupften Strauß der eigene Interessen verfolgenden Betreiber nehmen.

Dass Unternehmen wie die Telekom Inhalteanbieter zur Kasse bitten wollen, liegt aber daran, dass sie sich zwar nach Außen als Netzbetreiber geben, intern aber wie Medienhäuser handeln. Im Wortsinn stellt ein Netzbetreiber aber nur sein Netz und zugehörige Anschlüsse als Zugänge zum Internet zur Verfügung. Ein Medienhaus liefert hingegen Inhalte und ist damit in Konkurrenz zu anderen. Aber diese Konkurrenz sollen sie doch bitteschön unter sich ausfechten und nicht um protektionistische Regeln betteln, wenn sie ihr zweites Geschäftsmodell von Mitbewerbern untergraben sehen. (dz)

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