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Kommentar zu Militärtechnik: "Technologie vergrößert die Distanz, also verstärkt sie das Töten"

Drohnen und Roboter machen den Krieg noch schlimmer, weil das Töten mit ihnen so leicht fällt, argumentiert ein ehemaliger US-Marine.

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(Bild: Tim O'Brian)

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Kurz nachdem ich 18 wurde, trainierte mich das United States Marine Corps, als einer der tödlichsten Menschen der Welt zu leben, zu denken und zu arbeiten. Es verwandelte mich von einem typischen amerikanischen Vorstadtkind durch ein perfektioniertes wissenschaftliches ­System der psychologischen Neuverkabelung, des physiologischen Umbaus und der moralischen Neucodierung in eine ideale Kampfmaschine. Es hatte mich nicht nur auf den Krieg vorbereitet, sondern auch den Durst nach jeder Art von Konflikt geweckt. Ich bekam eine Vorstellung davon, wie Perfektion auf dem Schlachtfeld aussehen, klingen und schmecken würde. Ich war ein Kampfroboter geworden.

TR 12/2019

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Jede Generation von amerikanischen Kämpfern ­bekommt exzellente neue Waffen. Und wer liebt kein neues Spielzeug? Die Hersteller werden sagenhaft reich durch die Entwicklung äußerst effektiver Tötungsmaschinen mit griffigen Namen wie Mother of all Bombs, Fat Man, Hellfire, Sidewinder.

Während der Operation "Desert Shield" kam das halb automatische Scharfschützengewehr Barrett mit Kaliber .50 in die saudi-arabische Wüste, wo ich und mein Bataillon auf den Krieg mit dem Irak warteten. Ich gehörte zu einer ausgewählten Gruppe, die daran ausgebildet wurde. Es herrschte eine feierliche, fast ­ausgelassene Stimmung. Offiziere besuchten uns, wir bekamen drei warme Mahlzeiten am Tag. Nachts diskutierten wir an riesigen Lagerfeuern über unseren ­bevorstehenden Kriegszug.

Mein Partner Johnny war ausgebildeter Scharf­schütze und, offen gestanden, besser als ich. Mit dem Barrett erreichten wir beide Ziele auf 1450 bis 1650 Meter Entfernung. Das Schießen war einfach. Das Schießen machte Spaß. Uns war eine Waffe geschenkt worden, die unsere dunkle Kunst um fast tausend Meter erweiterte. Die Genfer Konventionen verboten uns zwar, Waffen mit Kaliber .50 gegen menschliche Ziele zu verwenden. Deshalb bekamen wir sie offiziell nur, um feindliche Fahrzeuge zu stoppen. Aber wir alle wussten, was der beste Weg ist, ein Fahrzeug zu stoppen: den Fahrer zu töten. Die Technologie hat uns das so gesagt. Und wir haben ihr zugehört.

Hätte man mir die Gelegenheit gegeben, hätte ich die Barrett auch auf menschliche Ziele angesetzt. Vor allem auf den Kopf. Nachts, als ich unter unserem Humvee schlief, träumte ich davon, einen irakischen Konvoi aus tausend Meter Entfernung zu beobachten. Ich töte methodisch einen Fahrer nach dem anderen aus gottgleicher Distanz. Die technologische Verbesserung meiner Treffsicherheit hat mich moralisch kompromittiert, wenn auch nur im Traum.

Viele halten nun den jungen Soldaten mit Gewehr für überholt. Das Wettrüsten findet jetzt zwischen Forschern statt, die sich um Fördermittel der Darpa (US-Militärforschungsagentur; d. Red.) bewerben. Sie behaupten, dass ihre neuen Technologien kaum noch menschliche Schnittstellen beim Tötungsakt benötigen. Das soll Kämpfer von moralischen Zwickmühlen befreien. Private Start-ups verkaufen den Mythos eines intelligenten Kriegs durch KI oder Roboter.

In den Labors geht es allerdings nicht um die Moral des Krieges, sondern um die Technik des Gewinnens. Wenn wir uns aber auf den Mythos einer technischen Ferntötung verlassen, um eine Begründung für einen einfachen Krieg zu finden, werden wir unsere Seele verlieren.

Ausgeklügelte Waffensysteme haben einen Nachteil: Der Feind muss sich innerhalb der effektiven Tötungsreichweite zeigen. Und schlaue Kämpfer zeigen sich dort selten. Also werfen wir mit einem 30 Millionen Dollar teuren Flugzeug Lenkbomben ab, um ein Dutzend Kerle zu töten, die in Zelten leben. Der teuer ausgebildete Pilot lenkt seine wunderschön komplexe Tötungsmaschine zurück zur Basis, nimmt eine heiße Dusche, skypt mit Frau und Kindern, spielt noch etwas mit der Xbox, geht ins Fitnessstudio und dann ins Bett. Er wird sich nicht um die Männer kümmern, die er vor ein paar Stunden getötet hat, und niemand verlangt das von ihm.

Die neue Verteidigungstechnologie ist ein heim­tückischer Versuch, die moralischen und gesellschaftlichen Kosten des Krieges von uns fernzuhalten. Der Glaube, dass Drohnenschwärme, Exoskelette oder selbstlenkende Projektile etwas an der Letalität des Krieges ändern, lässt keine Verantwortung mehr für das Wie, Wann und Warum zu.

Dies ist kein anti-intellektuelles oder technikfeindliches Argument. Das Problem ist nicht die Technik, sondern ihre Mehrdeutigkeit: Wenn Kriege führen so ist wie am Smartphone Lebensmittel zu bestellen oder Meme auf Instagram zu posten, wie schlimm kann Krieg dann noch sein? Und wenn Politiker, von den Lügen über die angebliche Leichtigkeit der technischen Kriegsführung verführt, uns in einen falschen Konflikt führen – ist es dann wirklich ihre Schuld? Haben wir nicht alle gedacht, dass es ein Kinderspiel wird? Die moralische Distanz, auf die eine Gesellschaft zum Töten in ihrem Namen geht, wird das Töten in ­ihrem Namen verstärken. Technologie vergrößert die Distanz, also verstärkt sie das Töten.

Die Personen mit der geringsten Distanz zum Töten – etwa Infanteristen oder Kämpfer einer Spezialeinheit – sind die moralisch am stärksten gestressten und kompromittierten Personen in der gesamten Befehlskette. Wenn ihnen klar wird, dass ihr Töten nicht durch einen soliden moralischen Rahmen gestützt ist, werden sie jede Entscheidung auf dem Schlachtfeld infrage stellen – und den Sinn des gesamten Kampfes. Sie zählen ihre toten Freunde an den Händen ab. Sie zählen ihre Opfer an den Händen ab. Die moralische Gleichung wird nicht aufgehen.

Ein Kämpfer sieht ein, dass es dazugehört, wenn ein Freund auf Patrouille getötet wird. Und dass er am nächsten Tag wieder selbst auf Patrouille geht. Aber je länger du in einer feindlichen Umgebung lebst und ­arbeitest, desto mehr nimmt dein Hass auf den Feind zu und dein Vertrauen in die Führung ab. Du fügst dir selbst moralische Wunden zu.

Intelligente Bomben sollen den Krieg einfacher oder schneller machen. Aber das nützt nichts, wenn man Jahre später nur tote Männer, Frauen und Kinder sieht, wenn man einzuschlafen versucht.

Wenn wir der Lüge glauben, dass der Krieg vollständig digitalisiert und von unbemannten Kampfgeräten geführt werden kann, wird niemand für ihn verantwortlich gemacht. Die Lüge, dass moderne Waffen ­Kriege verhindern oder humaner machen können, dient nur Politikern und Wirtschaftsbossen, die vom Krieg profitieren. Diese Lüge ist ein perverser Missbrauch wissenschaftlichen Denkens.

Dieses Essay und weitere Texte lesen Sie in der aktuellen Dezember-Ausgabe von Technology Review (jetzt im Handel).

(jle)