Kommentar zu VW: Luschige Abgas-Kontrollen

Es ist kein Zufall, dass VW ausgerechnet in den USA bei Abgas-Manipulationen erwischt wurde. Europa schaut bei so etwas systematisch weg. Ein Kommentar von Gregor Honsel.

Lesezeit: 1 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 599 Beiträge

(Bild: JT / Flickr / cc-by-nc-nd-2.0)

Von
Mehr Infos

VW wurde in den USA von der Umweltbehörde EPA dabei erwischt, die Emissionswerte seiner Diesel-Autos manipuliert zu haben. Eine Software soll Motoren auf dem Prüfstand in einen besonders abgasarmen Modus schalten, der nicht alltagstauglich ist. Sollte sich das bestätigen, wäre das ein bewusster Betrug und ginge weit über die branchenüblichen Tricksereien hinaus. Doch VW ist nur die Spitze des Eisberges, kommentiert Gregor Honsel, Redakteur bei der Technology Review. Die europäische Politik lädt die Autohersteller geradezu ein, zu manipulieren, was das Zeug hält.

Zum Beispiel beim Spritverbrauch: Um sage und schreibe 38 Prozent liegen offizieller und realer Verbrauch mittlerweile auseinander, wie das ICCT (International Council on Clean Transportation) herausgefunden hat. 2001 waren es noch acht Prozent. Die Deutsche Umwelthilfe DUH hat aus den ICCT-Zahlen errechnet, dass der reale Flottenverbrauch in den letzten Jahren sogar leicht zugenommen hat – trotz strengerer Grenzwerte.

Oder bei den Stickoxiden: Moderne Dieselmotoren stoßen in der Praxis laut ICCT-Untersuchung etwa siebenmal so viel Stickoxide (NOx) aus, wie es die seit September 2014 gültige Euro-6-Norm erlaubt.

Ein Kommentar von Gregor Honsel

Gregor Honsel ist seit 2006 TR-Redakteur. Er glaubt, dass viele komplexe Probleme einfache, leichtverständliche, aber falsche Lösungen haben.

Einige Ursachen sind altbekannt: Der europäische Prüfzyklus NEFZ arbeitet beispielsweise mit unrealistisch niedrigen Beschleunigungs- und Tempowerten und hat viele Schlupflöcher. Zudem dürfen die Hersteller in Europa ihre Tests selber machen. In den USA hingegen nimmt sich die EPA jährlich eine Stichprobe von 15 bis 20 Prozent der neuen Modelle vor. Kia, Hyundai, Ford, BMW und Mercedes mussten daraufhin bereits ihre Verbrauchsangaben um bis zu 18 Prozent korrigieren und dreistellige Millionenstrafen zahlen.

Gerade bei Dieselmotoren setzen die luschigen Prüfverfahren eklatante technische Fehlanreize. Saubere Diesel sind nämlich durchaus möglich. Das ICCT fand bei einigen der getesteten Fahrzeuge "durchschnittliche Emissionen unterhalb der Euro-6-Grenzwerte". Auch bei schweren Nutzfahrzeugen konnte das ICCT in einer weiteren Studie keine gravierenden Ausreißer bei den Stickoxiden finden.

Der Grund dürfte sein, dass Hersteller bei leichten Fahrzeugen auf sogenannte NOx-Speicherkatalysatoren setzen. Diese sind offenbar weit weniger wirksam als die aufwendigeren SCR-Systeme (Selektive katalytische Reduktion), wie sie vor allem bei Lastwagen und schweren Pkws eingebaut werden. Wären die Prüfverfahren halbwegs auf Zack, müssten die Hersteller die SCR-Technik auch in kleinere Wagen einbauen. Wenn sich das nicht rechnet, ist der Diesel halt nicht der richtige Antrieb für kleine Autos.

Dass Europa gerne wegschaut, hat offenbar System. Laut DUH ist es gerade die Bundesregierung, die jede Verschärfung regelmäßig torpediert. Strengere Grenzwerte auf dem Papier sollen dem Wahlvolk wohl vorgaukeln, dass sich etwas tut. Anschließend werden die Grenzwerte durch völlig realitätsfremde Kontrollen und Prüfverfahren wieder aufgeweicht, um der Autolobby nicht zu sehr auf die Füße zu treten. (jle)