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Kommentar zu intelligenten Tempobegrenzern: Weniger Tote oder Freiheit auf Rädern?

Die Diskussion über Tempobegrenzer bringt viele Autofahrer in Rage. Für sie sind Tempolimits offenbar eher Empfehlungen, kommentiert TR-Redakteur Karsten Schäfer.

Kommentar: Weniger Tote oder Freiheit auf Rädern?

(Bild: Christopher Schirner / Flickr / cc-by-2.0)

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Die EU-Kommission denkt über eine Pflicht von intelligenten Tempobegrenzern oder "Intelligent Speed Adaptation" (ISA) für private Pkw nach. Damit würden Tempolimits automatisch erkannt und die Geschwindigkeit des Wagens begrenzt. Der Fahrer hätte keine Möglichkeit, das System zu umgehen. Um ganze 37 Prozent ginge dadurch die Zahl der Verkehrstoten zurück, hat die Brüsseler Behörde ausgerechnet.

Dennoch hat sich der ADAC schon mal dagegen ausgesprochen, aus "Gründen der Verhältnismäßigkeit", wie es heißt. Der Club weiß eben, was seine Mitglieder von ihm erwarten. "Freie Bürger fordern freie Fahrt!" Das propagierte der ADAC schon 1974 und hat damit ein allgemeines Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen verhindert.

Was dem Amerikaner sein Recht auf Waffenbesitz, ist dem Deutschen das Recht auf Raserei auf seiner Autobahn. Und nicht nur da. Zu schnell gefahren wird eigentlich überall. Konsequenzen muss kaum jemand fürchten.

Polizei und Politik trauen sich gleichermaßen nicht, die bestehenden Geschwindigkeitsbeschränkungen durchzusetzen. Die deutschen Bußgelder sind im europäischen Vergleich eher gering. Kontrollen gibt es nur sehr wenige, und wenn es außerhalb des bundesweiten Blitzertages doch einmal unangekündigte Geschwindigkeitskontrollen gibt, fährt sogleich ein Sturm der Entrüstung auf die Gesetzeshüter nieder. Auch vor Klagen vor Gericht machen die Ertappten nicht halt – trotz eindeutiger Beweise aus der Geschwindigkeitsüberwachungsanlage. Denn: Geblitzt werden darf – wenn überhaupt – bitte schön nur an Unfallschwerpunkten. Ansonsten ist es eben "kleinkarierter Schwachsinn" oder "Wegelagerei".

Diese merkwürdige Einstellung zeigt sich auch bei der Begründung für die Durchsage von mobilen Blitzern im Radio. Die Ansage erfolge, damit sich auch jeder an die Geschwindigkeitsbegrenzung halte und eben nicht geblitzt werde. Wie bitte? Man könnte meinen, der viel beklagte deutsche Schilderwald zeige eindeutig, wo und wann wie schnell gefahren werden darf. Aber offenbar sind Tempolimits in den Augen vieler Autofahrer eher Empfehlungen, an die man sich hält, wenn es die Stimmung und der Terminplan gerade zulassen.

Welche absurden Wendungen das Thema mittlerweile nimmt, zeigen die Diskussionen über automatisiert fahrende Autos. Da wird allen Ernstes darüber nachgedacht, ob diese Fahrzeuge nicht ein Verkehrshindernis sind, wenn sie sich exakt an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten, und ob sie sich stattdessen nicht dem fließenden Verkehr anzupassen haben.

Der Kommentar von Karsten Schäfer stammt aus der aktuellen Ausgabe von Technology Review (jetzt im Handel und im heise shop erhältlich).

(Bild:  )

Da kann man nur sagen: bitte nicht. Und hoffentlich fahren auf deutschen Straßen bald genügend autonome Autos. Denn je mehr davon unterwegs sind, desto eher erledigt sich die Diskussion über Tempobegrenzer und den Sinn von Geschwindigkeitsbeschränkungen an bestimmten Stellen. Den Insassen dieser Fahrzeuge wird es beim Lesen, Telefonieren oder Fernsehen schlicht egal sein, wie schnell ihr Auto fährt. Jegliches Geprahle wird dann sowieso uninteressant. Neben weniger Verkehrstoten hätte das auch noch den Vorteil, dass die Menge an gesundheitsgefährdendem Lärm und giftigen Abgasen im Straßenverkehr sinkt, was Anwohner, Radfahrer und Fußgänger freuen wird. Außerdem kommen alle schneller ans Ziel, wenn der Verkehr gleichmäßiger fließt.

Machen wir also mit intelligenten Tempobegrenzern einen Anfang und retten ganz nebenbei Tausende von Menschenleben.

(Karsten Schäfer) / (jle)

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