Kommentar zum Coronavirus: COVID-19 ist keine einfache Grippe

Veranstaltungs-Absagen ohne Ende, abstürzende Börsenkurse – ist die Aufregung übertrieben? Nein, findet Torsten Kleinz. Die Lage ist ernst.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 1389 Beiträge

(Bild: Maridav/Shutterstock.com)

Von
Inhaltsverzeichnis

Die Hoffnung ist vorbei, dass wir in Deutschland die Variante SARS-CoV-2 des Coronavirus abschirmen könnten. Am Montag wurden die ersten Todesfälle durch COVID-19 (die Lungenkrankheit, die von SARS-CoV-2 ausgelöst wird) in Deutschland offiziell bestätigt. Wir sind nun in der nächsten Phase der weltweiten Pandemie: Die Krankheit ist in Deutschland, sie wird bleiben und sie wird Schäden anrichten. Nun gilt es, diese Schäden auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken.

Ein Kommentar von Torsten Kleinz

Torsten Kleinz konzentriert sich als freier Journalist auf Internetkultur und Netzpolitik. Für heise online schreibt er zum Beispiel regelmäßig über die neuesten Streitigkeiten rund um Adblocker.

Mehrere Kollegen witterten Hysterie oder gar "Bullshit", als sie die allumfassende Berichterstattung und die Maßnahmen der Eindämmung betrachteten. Doch COVID-19 ist eben nicht die saisonale Grippe, die mittlerweile zur alljährlichen Normalität in Deutschland gehört, obwohl immer wieder Hunderte Menschen an ihr sterben. Stattdessen haben wir es mit einer Pandemie zu tun, die sich im schlimmsten Fall exponentiell ausbreiten kann, was in mehreren Ländern bereits passiert ist.

Harte Fakten, falsche Zahlen - lesen Sie auch:

Zwar sind die Symptome und Ansteckungsarten ähnlich wie bei der Grippe. Ein zentraler Unterschied ist jedoch: Wir haben gegen das neue Coronavirus keine Impfstoffe, keine getesteten Medikamente und keine Grundimmunität in großen Teilen der Bevölkerung. Auch wenn die meisten Patienten die COVID-19-Erkrankung schließlich überstehen, so ist doch ein erheblicher Anteil von ihnen auf langwierige und intensive medizinische Versorgung angewiesen. Laut WHO muss einer von fünf Patienten im Krankenhaus versorgt werden. Viele brauchen künstliche Beatmung. Die gute Nachricht: Deutschland hat mit 28.000 Intensivbetten eine überdurchschnittlich gute Versorgung anzubieten.

Doch diese Betten können nicht mal eben für nur eine Krankheit reserviert werden. Krebspatienten und Unfallopfer benötigen sie ebenso wie Patientinnen mit Blinddarmdurchbruch oder Komplikationen bei einer Geburt. Werden die Krankenhäuser bei ungehinderter Ausbreitung der Coronavirus-Infektionen mit einer Krankenwelle überschwemmt, dann stehen weniger Kapazitäten für andere Erkrankte bereit. Und da man den Ärzten keine präventive Impfung geben kann, ist die medizinische Versorgung nochmals besonders gefährdet.

Die Hoffnung, dass sich die Krankheit mit den wärmeren Temperaturen im Nichts verlaufen könnte, scheint sich nach heutigen Kenntnissen nicht zu bestätigen, wie etwa Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité ausführt. Die Leidtragenden werden vor allem Menschen mit geschwächtem Immunsystem sein. Während Kinder teilweise nur schwache Symptome zeigen, ist der Virus für Ältere und Patienten mit Vorerkrankung überproportional häufig tödlich.

Auch weil Kinder keine oder nur sehr schwache Symptome zeigen, ist es unwahrscheinlich, dass sich eine Ausbreitung der Krankheit ohne extreme Maßnahmen stoppen lässt: Man kann keine Überträger isolieren, wenn man nicht erfährt, dass diese überhaupt krank waren. Aber es ist möglich, die Ausbreitung wesentlich zu verlangsamen, indem man das öffentliche Leben auf Sparflamme stellt. Und das geht nur, wenn die Notwendigkeit gesellschaftlich akzeptiert ist.