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Kommentar zum NSA-Skandal: Es ist Zeit, die Netze zurückzuerobern

Die Snowden-Enthüllungen des vergangenen Jahres haben die Geheimdienste ans Licht gezerrt. Die Zeit, in der sie sich neu formieren, müssen wir nutzen und die Kommunikationsnetze zurückerobern, verlangt Investigativjournalist Erich Moechel.

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Mit Edward Snowden ging ein goldenes Zeitalter für den Berufsstand der Spione zu Ende. Ganz anders als beim Spionagesystem Echelon, das um 2000 aufflog, in den Breitenmedien kurz aufgeflackert und ab September 2001 schlagartig in Vergessenheit geraten war, haben sich Prism, xKeyscore, Bullrun und Co tief in die kollektive Erinnerung eingeschrieben. Passiert ist nämlich, was im Juni 2013 wohl niemand für möglich gehalten hatte: Das Thema NSA-Spionage hat sich nicht nur ein volles Jahr lang in den Weltmedien gehalten, sondern auch immer wieder die Schlagzeilen dominiert. Das ist nicht allein auf den Inhalt der Informationen zurückzuführen, die an die Öffentlichkeit kamen. Eine gewaltige Rolle dabei spielte die totalitäre Geisteshaltung, die sich da manifestierte.

Die schiere Aggression, die einem aus dem Narrativ der Snowden'schen Dokumente entgegenschlug, hatte anfangs auch auch das weltweit verstreute, bis dahin bestürzend überschaubare Häuflein langjähriger Beobachter des Treibens der Geheimdienste schockiert. Gleichwohl etwa die Massenabgriffe an den Glasfaserkabeln durch NSA/GCHQ längst bekannt waren, beschlich auch diesen abgebrühten Haufen ein Entsetzen. Entsetzen über Ausmaß und Brutalität der Zugriffe und Bestürzung über die Totalitarität des Ansatzes machten sich auch in diesen Zirkeln breit.

Etwas Erleichterung kam erst auf, als Koryphäen wie Bruce Schneier bestätigten, dass die kryptografischen Algorithmen selbst gehalten haben. Mit dem Auffliegen der frechen Manipulationen an den technischen Standards rund um die Verschlüsselung aber begann sich das kollektive Sentiment zu drehen und aus Entsetzen wurde Wut. Im öffentlichen "giant fuck you, NSA!" der Google-Techniker, als sie im November 2013 den Datenverkehr auf den angezapften Leitungen erfolgreich Ende-zu-Ende verschlüsselt hatten, zeigte sich dann schon Entschlossenheit, den Status Quo der Überwachung auf keinen Fall zu akzeptieren.

Setzt man 2001 als Startpunkt an, so konnten NSA/GCHQ samt Partnerdiensten ihre Systeme zwölf Jahre völlig unbehelligt ausbauen. Während die Zivilgesellschaft über die neuen Androids und iPhones diskutierte, hatten NSA/GCHQ bereits die nötigen Schritte gesetzt, um die Sicherheit dieser Mobilgeräte auszuhebeln und nachhaltig zu sabotieren. So war es bis jetzt. Doch "so wie es ist bleibt es nicht" heißt es in Bertolt Brechts "Lob der Dialektik", das Pendel schlägt nun auf die andere Seite aus.

Edward Snowden hat nämlich nicht alleine die Methoden der NSA offengelegt, sondern die aller Geheimdienste weltweit. Die frechen Tricks und Sabotageversuche, der Doublespeak und die offenen Lügen im "Krieg gegen den Terrorismus" sind, wie es im Rotwelsch der Militärs heißt: "abgenützt". Man wird sich etwas Neues einfallen lassen müssen und das wird eine Zeitlang dauern, denn Phantasie ist deren Stärke nicht.

Das ist das Zeitfenster zur Rückeroberung der Kommunikationsnetze für die Zivilgesellschaft, deren Interessen sich derzeit weitgehend mit jenen der IT-Großkonzerne decken. Günstigerweise, denn alleine Google setzt pro Jahr mehr um, als das "Black Budget" des gesamten militärisch-elektronischen Komplexes der USA beträgt. Was Prä-Snowden weltweit nur eine Häuflein ansatzweise über die Spionage in Kommunikationsnetzen wusste, das wissen jetzt viele und zwar bis ins Detail. Die Zivilgesellschaft wird dieses Wissen, dass sie von allen Seiten militärisch angegriffen wird, wohl zwischendurch etwas verdrängen können. Vergessen können wird sie es nicht.

Zu den Folgen des NSA-Skandals veröffentlicht heise online anlässlich des Jahrestags der ersten Snowden-Enthüllung mehrere Kommentare:

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