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Kommentar zur Beobachtung der Kilonova: Kooperation statt Konfrontation rettet die Welt

Mehrere Tausend Wissenschaftler waren an der bahnbrechenden Beobachtung einer Verschmelzung zweier Neutronensterne beteiligt. Das sollte auch gewissen Politikern zeigen, dass Kooperation Konfrontation überlegen ist, meint Martin Holland.

Kommentar zur Beobachtung der Kilonova: Kooperation statt Konfrontation rettet die Welt

Die an der Kampagne beteiligte Europäische Südsternwarte (hier das Teleskop Vista) ist ebenfalls ein Beispiel für Kooperation.

(Bild: M. Claro/ESO)

Die erste Beobachtung einer Quelle von Gravitationswellen im Bereich elektromagnetischer Strahlung bedeutet einerseits, dass Astronomen jetzt nicht nur sehen, sondern auch hören können. Und andererseits unterstreicht die immense Beobachtungskampagne seit August den unschätzbaren Wert von Kooperation. Allein die beiden Aufsätze " GW170817: Observation of Gravitational Waves from a Binary Neutron Star Inspiral" (in den Physical Review Letters) und " Multi-messenger Observations of a Binary Neutron Star Merger" (in The Astrophysical Journal Letters) kommen auf mehr als 1000 beziehungsweise 3500 Autoren. Jeweils Hunderte Autoren stehen hinter den restlichen Aufsätzen.

Wie die Astronomin Christina Thöne bei Astrodicum simplex beschreibt, wurde im August alles, was irgendwie Photonen sammeln kann, auf die Galaxie NGC 4993 und die Quelle der Gravitationswellen GW170817 gerichtet. Mehr als 70 Teleskope beobachteten, wie zwei Neutronensterne verschmolzen, ein neuer Himmelskörper entstand und schwere Elemente produziert wurden. Diese Zusammenarbeit brachte Erkenntnisse, die keine Nation, Organisation geschweige denn ein einzelnes Team hätte sammeln können. Aber auch wenn Megaprojekte wie das Kernforschungszentrum CERN es seit Jahren vormachen – in Zeiten von "America First" und Co. gilt Kooperation keineswegs überall als höchstes Ziel.

Natürlich sind Astronomen in dieser Beziehung in einer besonderen Position. Ohne Zusammenarbeit wären sie bei ihren Beobachtungen immer nur auf bestimmte Himmelsregionen, Tages- und Jahreszeiten sowie Spektralbereiche beschränkt und könnten auch nur das beobachten, was sie selbst entdeckt haben. Weil so keine Erkenntnisse zustande kommen, arbeiten sie miteinander, helfen einander und stellen einander Instrumente zur Verfügung. Hinzu kommt der andauernde, intensive und fruchtbare Austausch. Die Beobachtung von GW170817 ist da nur der letzte, wenn auch besonders beeindruckende Beweis. Alleine geht es nicht und Zusammenarbeit erbringt mehr als nur eine Summe der Teile.

Genau an diesem Vorbild könnten sich derzeit viel zu viele ein Beispiel nehmen. Denn nicht nur die Physik steht vor gewaltigen Aufgaben, die für einzelne unmöglich zu bewältigen sind. Herausforderungen wie der Klimawandel, die Digitalisierung, Ressourcenknappheit, der Rückzug der Demokratie, Kriege, Konflikte und Vertreibungen können nur gemeinsam angegangen werden. In unserer Zeit der Umbrüche könnte die Welt von der Wissenschaft lernen. Statt kompromisslos die vermeintlich eigenen Interessen durchzusetzen, gilt es, zusammenzuarbeiten. Wie uns das Beispiel von GW170817 und der gewaltigen Leistung der Forscher und Forscherinnen aus aller Welt lehrt, profitieren davon am Ende alle.

(mho)

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