Kommentar zur Corona-Epidemie: Vier Maßnahmen gegen den Lockdown

Die Folgen der Corona-Krise für Wirtschaft und Gesellschaft werden enorm sein. Ein anderer Umgang damit muss her, meint TR-Chefredakteur Robert Thielicke.

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(Bild: Maridav/Shutterstock.com)

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156 Milliarden Euro an Finanzhilfen und 600 Milliarden Euro für einen Rettungsschirm, um die deutsche Wirtschaft vor dem Absturz zu bewahren: Die massiven Beschränkungen des öffentlichen Lebens sind gerade einmal eine Woche her, schon muss der Staat ein Rettungspaket auf den Weg bringen, das die Hilfen nach der weltweiten Finanzkrise weit übersteigt. Anderen Ländern geht es nicht anders. Die Produktionsrückgänge betragen zum Teil 50 Prozent und mehr, lange wird die Wirtschaft die Situation also nicht überleben. Virologen mögen eine monatelange Stilllegung des öffentlichen Lebens befürworten, aber der Tag wird kommen, an dem die Solidarität mit dieser Maßnahme schwindet und auch eine reiche Gesellschaft wie die deutsche der Tatsache ins Auge sehen muss: Der Preis ist zu hoch.

Ein Kommentar von Robert Thielicke

Robert Thielicke ist TR-Chefredakteur, streamt Musik, geht häufiger zu iTunes als ins Kino – aber lieber richtig ins Restaurant als nur per Internet.

Was also ist die Alternative? Bisher dreht sich die Diskussion vor allem um zwei Varianten: Die Infektionswelle durchlaufen lassen, wie es zunächst Großbritannien vorhatte. Millionen Menschen würden krank, viele sterben, der Rest Immunität erlangen und der grausame Spuk wäre vorbei. Social Distancing demgegenüber soll die Menschen auf Abstand halten und die Infektionswelle so weit abflachen, dass die Krankenhäuser unter dem Ansturm nicht zusammenbrechen. Dafür droht jedoch eine Pleitewelle und Schuldenkrise ungeahnten Ausmaßes. Der Epidemiologe Francois Balloux vom University College London hat zusammen mit Forschern vom Imperial College London beide Varianten in einer Simulation durchgerechnet. "Es gibt keine einfache Lösung", sagt er in einem Interview mit Technology Review. "Wenn man sich beide Möglichkeiten anschaut und guckt, wie sich beide über ein oder zwei Jahre entwickeln könnten, komme ich selbst zu keiner Antwort."

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Dabei gäbe es eine Alternative zwischen Lockdown und Nichtstun: die zielgerichtete Quarantäne Infizierter, streng überwacht mit den heutigen technologischen Möglichkeiten. Vier Maßnahmen wären dafür nötig:

  1. Umfangreiche Tests für jeden, der Symptome wie trockenen Husten, Gliederschmerzen, Fieber oder akute Kurzatmigkeit aufweist. Bisher sind die Tests aufwändig, die Auswertung dauert bis zu zwei Tage. Entsprechend gering sind die Kapazitäten. Seit kurzem jedoch stehen von zwei Unternehmen Geräte zur Verfügung, die in unter drei Stunden ein Ergebnis liefern. Bosch etwa hat bereits länger ein Gerät namens Vivalytics auf dem Markt, das verschiedene Krankheitserreger aufspürt und nicht größer als ein Desktop-Computer ist. Nun hat das Unternehmen das System um einen Test für Covid-19 erweitert. Lediglich zweieinhalb Stunden soll die Analyse dauern, so das Unternehmen. Noch schneller soll die Methode der deutschen Biotech-Firma Qiagen sein: das Ergebnis liegt nach eigenen Angaben bereits nach einer Stunde vor.

  2. Streng überwachte Quarantäne für alle Infizierten: Bisher werden Menschen, die das Corona-Virus tragen, lediglich dringend gebeten, zu Hause zu bleiben. Niemand kontrollierte, ob sie es tatsächlich getan haben. Dabei wäre es über Handy-Ortung möglich. Die Maßnahme ist zweifellos einschneidend und weckt zurecht die Furcht vor dem Überwachungsstaat. Dauert jedoch die jetzige Massenquarantäne noch Wochen an, verlieren unzählige Menschen ihre Lebensgrundlage – und damit vielleicht nicht nur vorübergehend ein gutes Stück ihrer Freiheit.

  3. Schutzmaskenpflicht für alle, sobald sie sich in der Öffentlichkeit bewegen: Schließlich wird es immer Leute geben, die trotz Symptomen nicht zum Arzt gehen; und zwingen kann man sie dazu nicht. Zudem können Infizierte auch ohne Symptome ansteckend sein.

  4. Risikogruppen ein Recht auf Homeoffice einzuräumen oder – wenn das nicht geht – sie für die Zeit der Epidemie krankzuschreiben. Dann können sie sich ohne wirtschaftliche Einbußen vor einer Infektion und einem fatalen Verlauf der Krankheit schützen.

Diese vier Maßnahmen setzen natürlich nicht die Empfehlungen außer Kraft, Menschen vorerst nicht die Hand zu schütteln, möglichst einen Abstand von 1,5 Metern zu halten und die Hygiene ernst zu nehmen. Auch Großveranstaltungen wie Fußballspiele oder Messen können nicht stattfinden. Aber viele andere Gewerbe, vom Frisör über den Buchhandel bis zum Kaufhaus, dürften wieder öffnen.

Statt so zu tun, als könnten wir die jetzigen Notmaßnahmen nach Ostern einfach verlängern, sollten wir die verbleibenden Quarantäne-Wochen nutzen, um einen neuen Weg im Umgang mit der Pandemie zu finden: Testgeräte aufstellen, alle Kapazitäten nutzen, um Schutzmasken herzustellen – so, wie es Textilfirmen wie Mey oder Trigema bereits vormachen. Und auf demokratische Weise Regeln schaffen, die Überwachung ermöglichen, sie aber danach sofort wieder verlässlich stoppen. Es darf nicht sein, dass die Politik die Krisen nutzt, um die Freiheit einzuschränken – und die Einschränkungen am Ende bestehen bleiben. (jle)