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Kommentar zur Minecraft-Übernahme: Verfall und Untergang des Klötzchenreichs

Die Nachricht schlug in der Fangemeinde ein wie eine Bombe: Microsoft kauft den Indie-Hit Minecraft. Der bekennende Minecraft-Jünger und c't-Redakteur Fabian Scherschel glaubt, dass aus diesem Deal nichts Gutes werden kann.

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Ein Kommentar von Fabian A. Scherschel

Fabian A. Scherschel schrieb von 2012 bis 2018 als Redakteur täglich für heise online und c't, zuerst in London auf Englisch, später auf Deutsch aus Hannover. Seit 2019 berichtet er als freier Autor und unabhängiger Podcaster über IT-Sicherheit, Betriebssysteme, Open-Source-Software und Videospiele.

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Als ich vor etwa einer Woche zum ersten Mal gehört habe, dass Microsoft das Entwicklerstudio hinter Minecraft kaufen will, dachte ich: Daraus kann für die Fans des Spiels nichts Gutes erwachsen. Jetzt ist der Deal offiziell und ich habe eine Woche lang oft über diese These nachgedacht, aber ich komme immer noch zu dem selben Schluss: Der 2,5-Milliarden-Coup ist der Anfang vom Ende.

Ich spiele Minecraft jetzt seit vier Jahren fast täglich. Ich habe mehr Stunden in den Klötzchenwelten versenkt, als ich zugeben will. Seit der Pocket Edition spiele ich Minecraft sogar auf dem Klo. Und dazu kommen noch Tausende Stunden, die ich mit "Let's Play"-Videos auf YouTube verschwendet habe. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, dass es mein Lieblingsspiel ist. Und jetzt gehört mein Lieblingsspiel Microsoft.

Als jahrelanger Linux-Nutzer habe ich natürlich ein sehr spezielles Verhältnis zum Softwarekonzern aus Redmond. Wenn jemand das Betriebssystem deiner Wahl als Krebs bezeichnet, der alles auffrisst, mit dem es in Kontakt kommt, bleibt das hängen. Einer der Gründe, warum ich bei Minecraft sofort mit Feuer und Flamme dabei war, ist die einfache Tatsache, dass die Linux-Version schon in Alpha-Zeiten immer mindestens genauso gut lief wie die Windows-Ausgabe. Jahre vor der Steam-auf-Linux-Ära war das ziemlich ungewöhnlich. Aber leider glaube ich nicht dran, dass das noch lange so weitergehen wird. Auch unter einem neuen Firmenchef wird Microsoft diese Version still und heimlich unbrauchbar machen – genau wie sie es gerade mit Skype machen. Erinnern wir uns, was mit der Mac-Version von Halo passiert ist, nachdem die Redmonder Bungie in ihre Finger bekamen.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen...

Aber auch für Windows- und XBox-Spieler wird der neue Hausherr früher oder später alles ruinieren. Klar, noch gibt man sich in Redmond bescheiden und lobt die Community. Aber früher oder später wird es Änderungen geben. Microsoft ist nicht blöd und ich bin mir sicher, dass die Firma gemerkt hat was bei League of Legends und DOTA 2 los ist. Mit Videospielen reich wird man heutzutage mit Free-to-Play gekoppelt an Mikrotransaktionen. Neue Blocktypen, coole Charakter-Skins, mehr Tiere... Kleinvieh macht auch Mist. So könnte man mit Minecraft Dollar für Dollar doch Milliarden scheffeln. Minecraft ist das perfekte Spiel für dieses Modell: Das Spielprinzip hat ein offenes Ende, die Community ist an dauernde Updates gewöhnt und man kann jedes In-Game-Item auf jeder Plattform aufs Neue verkaufen.

Es gab Minecrafter die dachten, der Enderman wäre das Schlimmste, was unserem Spiel je passieren könnte.

Gehen wir mal vom Best Case Scenario aus: Microsoft hält sich weitestgehend aus der Entwicklung des Spiels raus und verdient sein Geld nur mit Merchandise-Deals und der Grundversion des Spiels. Besser wird Minecraft dadurch nicht. Mojang macht auch jetzt schon mehr als 80 Millionen Euro im Jahr Umsatz – brauchen die Entwickler wirklich mehr Geld? Die kreativen Köpfe hinter dem Spiel haben eh schon angekündigt, dass sie genug haben. Notch selbst war zwar schon länger nicht mehr direkt involviert, aber jetzt will mit Jeb auch der Entwickler, der momentan die Zügel in den Händen hält, gehen. Dann sind weniger begabte Programmierer am Zug.

So wie es ist, war Minecraft ziemlich perfekt. Für 20 Euro bekam man auf unbestimmte Zeit Updates von Entwicklern, die ihre Arbeit liebten und einfach nur das bestmögliche Spiel machen wollten. Den Rest erledigte eine lebhafte Community. Unter Microsoft verlassen die Schöpfer das Boot und die Versuchung, Geld zu scheffeln steigt exponentiell. Der harte Kern wird Notch und Jeb hinterher trauern und nach und nach wird die Community um den Indie-Hit auseinander bröckeln. Wir müssen uns damit abfinden, dass die besten Zeiten für dieses Spiel vorbei sind. Ab jetzt geht es nur noch bergab. Und wenn ich bei Notch zwischen den Zeilen lese, denke ich: Er weiß das auch.

[Update 16.09.2014 14:17]

Jeb wird für's erste bei Mojang bleiben. Ob das den Verfall von Minecraft aufhalten kann, sei dahingestellt. (fab)