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Kommissar Computer: Horst Herold zum 85. Geburtstag

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Heute vor 85 Jahre wurde Horst Herold geboren. Der Jurist, der von 1971 bis 1981 Präsident des Bundeskriminalamtes war, gilt als Pionier der computerunterstützen Polizeifahndung, insbesondere der Variante der negativen Rasterfahndung.

Seine polizeiliche Laufbahn begann Horst Herold, der zum Abschied als "Prometheus der Polizei" gefeiert wurde, 1964 als Kriminaldirektor in Nürnberg. 1968 veröffentlichte er im "Taschenbuch für Kriminalisten" das "Zukunftsmodell" des deutschen Polizeiwesens, die "Organisatorischen Grundzüge der elektronischen Datenverarbeitung im Bereich der Polizei". In diesem Zukunftsmodell finden sich bereits alle wesentlichen Ideen, von der Anlage großer Datenbankregister bis zur Kriminalgeografie, mit der er in Nürnberg experimentierte. Die Schrift führte dazu, dass Herold 1969 in eine Reformkommision des BKA berufen wurde, wo er wesentlich an der Einrichtung des Polizei-Informationssystems Inpol und später an PIOS (Personen, Institutionen, Objekte, Sachen) mitwirkte. Nachdem sich im Mai 1970 die Rote Armee Fraktion mit einer Gefangenenbefreiung und einigen Banküberfällen gründete, wurde Horst Herold mit der Leitung des Bundeskriminalamtes betraut. In seiner zehnjährigen Amtszeit verfünffachte er den Etat des BKA und machte aus der verschlafenen Behörde mit 1000 Beamten eine hochtechnologische Truppe von 3500 kriminaltechnischen Spezialisten.

Als Sozialdemokrat mit guten Kenntnissen des Marxismus mündeten Herolds Ideen über "Kybernetik und Polizeiorganisation" in der Konstruktion einer "negativen Rasterfahndung", die dem damals kaum entwickelten Datenschutz Rechnung tragen sollte. Im Orwell-Jahr 1984 formulierte Herold seine Fahndungsidee wie folgt:

"In Umkehrung der bisherigen polizeilichen Ermittlungsweise forscht sie nach den Gruppenmerkmalen, die dem Täter nicht anhaften und die deshalb als 'negative' Merkmale zu bezeichnen sind. Wenn aufgrund der Ermittlungen etwa feststeht, dass der Täter kein Rentner, kein Student und kein Arbeitsloser war, so kann die Polizei Rentenversicherungen, Universitäten und Arbeitsämter bitten, die Daten, die die genannten Behörden verwalten, aus einem zu untersuchenden Datenbestand herauszulöschen, d.h. dort physikalisch zu vernichten. Dies schließt aus, dass die Polizei die einzelnen Datensätze der Rentner, Studenten und Arbeitslosen 'in die Hand nehmen' und aus ihnen durch heimliche Kriterien andere als die vorgegebenen Ergebnisse entnehmen kann. Besser als durch Datenvernichtung im Fremdbestand kann die verwahrende Behörde ihre Personendaten nicht schützen. Während bei der 'elektronischen Bürofahndung' Ergebnisbestände aufgebaut werden, die erst den Ausgangspunkt weiterer Suchmaßnahmen bilden, können Rasterfahndungen, je nach dem Fahndungsziel, durch Herauslöschen aller Gruppen, die Legalität verkörpern, bereits den oder die Verdächtigen liefern."

Angeblich funktionierte die Methode, eine Monsterdatei aller Bürger anzulegen, und dann Daten "schützend" zu löschen. Im Februar 1979 wurden die Einwohner im Großraum Frankfurt "negativ gerastert" (Einwohnermeldedaten minus Kundendaten der Stromzahler minus Daten der Banküberweisungen, worauf die Bargeldzahler übrig blieben) und auf diese Weise das RAF-Mitglied Rolf Heißler gefunden. Bei einem zweiten Versuch mit den Daten Hamburger Stromzahler blieben 1200 Datensätze übrig, die überprüft werden mussten. Horst Herold hatte freilich keine Bedenken, auch die "positive" Rasterfahndung einzusetzen, bei der gezielt nach Kreuzverbindungen gesucht wird: Als Entführer die Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu umlenkten, speicherte das Bundeskriminalamt die Daten von 70.000 Hotel-Meldezetteln aus Mallorca, dem Zielort der Maschinen und verglich sie mit PIOS. So ermittelte man die Identität von drei der vier Entführer, die das Flugzeug gekapert hatten.

Zur selben Zeit erlebte Herolds Methode aber auch ihre ultimative Niederlage, als das Fernschreiben eines Polizisten über eine konspirative Wohnung in Erftstadt-Liblar schlicht vergessen wurde. Die Daten, die den Aufenthaltsort der RAF-Terroristen und ihrer Geisel Hanns-Martin Schleyer aufdeckten, wurden schlicht nicht in das Datenbanksystem eingepflegt, in dem jeder Nagel und jede gefundene Zahnbürste gespeichert war. Wie bei den amerikanischen Ermittlern, die alle Terroristen im September 2001 in ihren Computern hatten, reichte ein übersehenes Detail aus, dass die Rastertechnik erblindete.

Gegenwärtig ist ein Stück der Geschichte von Horst Herold im Film "Der Baader Meinhof Komplex" zu sehen, in dem er von Bruno Ganz gespielt wird. Diesen Film will sich Herold, der heute in Rosenheim auf einem Kasernengelände lebt, nach eigener Aussage nicht anschauen.

Als Herolds Fahndungstechnik scheiterte, wurde er vom damaligen Innenminister Gerhart Baum Anfang 1981 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er dem polizeikritischen Rechtsanwalt Sebastian Cobler ein zweitägiges Interview gegeben und seine Sicht der Polizeiarbeit erläutert. Die Transkription des Interviews mit 400 eng beschriebenen Seiten lagert heute in den Tresoren einer Schweizer Bank, nachdem mehrfach in verschiedenen Anwaltskanzleien eingebrochen wurde, wo das Manuskript vermutet wurde. Cobler konnte nur Bruchstücke des Interviews in der Zeitschrift "Transatlantik" veröffentlichen. Im Kursbuch schrieb Cobler vom unerschütterlichen Optimismus des Horst Herold kurz vor der Entlassung durch Baum: "Denn während sein derzeitiger Dienstherr sich darum bemüht, mit liberalen Zügen zu versehen, was er persönlich bis vor kurzem mitgeholfen hat zu installieren, setzt Herold unbeirrt und guten Mutes auf jene 'Kontinuität der Aufgaben' des Amtes, die vorgegeben sei und der sich auch Minister nicht entziehen können."

Eine Kontinuität, die auf ihre Weise bis heute andauert: Gerhart Baum gehört zu den Personen, die eine Verfassungsbeschwerde gegen die heimliche Online-Durchsuchung einlegten, die als moderne Ergänzung der Rasterfahndung mit dem BKA-Gesetz verankert werden soll. (Detlef Borchers) / (Detlef Borchers) / (jk)

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