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Konferenz "The Block“: Die Blockchain, das Internet von 1991

Dummes Geld im wilden Westen

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Mit einer Betrachtung von Initial Coin Offerings (ICO) tauchte Shermin Voshmgir vom Berliner Thinktank Blockchainhub tiefer in den Bereich der Kryptogeldökonomie ein. Bei dieser unregulierten Form des Fundraisings, die derzeit für ständige Millionenrekorde sorgt, sei man noch im "wilden Westen“. Projektmacher stellen dabei neue Währungstokens zum Vorverkauf, die dann je nach Projekt etwa als Anteilsscheine mit Stimmrecht oder Währung für den geplanten Dienst fungieren. Die Bedingungen formulieren die Macher nach Gutdünken und die Investoren bewerfen sie dafür momentan großzügig mit Kryptogeld – jüngstes Beispiel Bancor mit umgerechnet 150 Millionen US-Dollar.

Bevor man investiere, müsse man im Grunde eine Due-Diligence-Prüfung durchführen: Wie sind die Ausgabebedingungen, gibt es ein Whitepaper mit Spezifikationen, bietet das Projekt einen Mehrwert und ähnliche Fragen sollte man sich stellen. Zu viele tun das wohl nicht, laut Voshmgir gebe es derzeit zu viel "dummes Geld“ am Markt. Dennoch: ICOs seien für Startups der Szene inzwischen eine wichtigere Finanzierungsquelle als traditionelles Risikokapital.

Die Rechtsanwältin Nina-Luisa Siedler wiederum zeigte auf, wie sehr nationale Gesetzgebungen und ein global ausgerichtetes dezentrales System aufeinanderprallen müssen. Einerseits müssten die Entwickler mehr auf die Juristen hören: Grundsätze wie das Ethereum-Schlagwort "Code is the law“ seien mit dem deutschen Recht überhaupt nicht vereinbar. Ein Vertrag muss für seine Teilnehmer verständlich sein – einem Smart Contract müsse also immer eine detaillierte Prosafassung beiliegen.

Andererseits sei die staatliche Regulierung oftmals nur wenig durch Kenntnis der Materie gekennzeichnet. Beispielsweise würden auf EU-Ebene schon Obergrenzen für Kryptogeldzahlungen analog wie beim Bargeld diskutiert – wie das technisch umgesetzt werden solle, sei völlig schleierhaft. Deshalb müsse die Koalitionsvereinbarung der nächsten Bundesregierung einen Passus zur Blockchainfreundlichkeit enthalten. Ein Bundesverband Blockchain, den verschiedene Akteure noch im Sommer gründen wollen, soll sich dafür starkmachen.

Als Erkenntnis bleibt: Ob Alpha, Beta oder doch das Internet von 91 – Blockchaintechnik ist kein Heilsbringer, sondern vor allem noch eine große Baustelle. Es mangelt gar nicht so sehr an Ideen, aber an Usability, an Andockstellen für bestehende Ökosysteme und in die analoge Welt, an Wissen bei den Nutzern, an massenkompatiblen Killeranwendungen und und und. Das entsprach wohl auch den Erfahrungen des Publikums: Auf die Frage vom Podium, wer schon mal Kryptowährungen gekauft oder gar bei einem ICO mitgemacht habe, hob eine große Zahl der Besucher die Hand. Auf die Frage, wer schon mal in anderen Anwendungskontexten mit Blockchaintechnik zu tun hatte, waren kaum Hände in der Luft.

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(axk)

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