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Konrad Zuse: Scharlatan oder Mitläufer?

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In der kommenden Woche wird der 100. Geburtstag von Konrad Zuse gefeiert. Ein Festkolloquium (PDF-Datei) im Deutschen Museum zu München ehrte den deutschen Computerpionier bereits am Freitag, komplett mit einer Sonderausstellung von Dokumenten aus dem Nachlass von Zuse. Ausstellung wie Kolloquium machten deutlich, dass die Rolle von Zuse im 3. Reich erforscht werden muss. Die Ausstellung ist bis zum 22. August täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

Das schönste Geschenk zum 100. Geburtstag von Konrad Zuse machte der SAP-Mitgründer Klaus Tschira. Er kaufte der Familie den Nachlass des Erfinders ab und übergab ihn dem Deutschen Museum mit der Auflage, diesen wissenschftlich aufzuarbeiten. Nun warten 26 Regalmeter Dokumente auf die Historiker, die Entwicklung der Zuse-Rechner und den Lebensweg Zuses zu rekonstruieren. Wie Wilhelm Füßl, der Leiter des Münchener Archivs betonte, ist die bisherige Darstellung von Zuses Leben und Erfindungen von seiner 1968 geschriebenen Autobiografie geprägt. Die von Zuse begonnene Legendenbildung könne nun gebrochen werden. "Die Zuse-Forschung steht an einem Neuanfang", erklärte Füßl.

Dass dieses Werk von Zuse sehr problematisch ist und historische Spuren verwischt, zeigte ein Vortrag des Historikers Ulf Hashagen. Er beschäftigte sich mit der Frage, wie die Allierten 1945-48 mit Zuse umgingen. Während Zuse in seinen Erinnerungen berichtet, dass die Engländer ihn suchten, aber nicht fanden, zeigen die Quellen in den Militärachiven, dass Engländer wie Amerikaner über Zuses Rechner informiert waren und ihn mehrfach verhörten. So wurde Zuse im Rahmen der Alsos-Mission intensiv befragt. Seine Aufzeichnungen übernahmen die Wissenschaftler des British Intelligence Objects Sub-Committe (BIOS), die vor allem den Mathematiker Alwin Walther verhörten. Walther hatte als Mathematiker an der Universität Darmstadt ab 1939 die Berechnungen für das Raketenprogramm in Peenemünde durchgeführt, sagte aber nichts über Zuse. Dieser wiederum hatte mit den Sondermaschinen S1 und S2 Computer gebaut, die in den Henschel-Werken für die Berechnung der Flügelstellungen der Gleitbomben HS 293 und HS 294 benutzt wurden. Zuse bot den Engländern im Verhör an, die zerlegte Z4 wieder funktionstüchtig zu machen und zu demonstrieren, wenn er im Gegenzug nach Großbritannien auswandern und dort arbeiten könnte. Die Z4 wurde später an die Universität Zürich vermietet, wo sie eher schlecht als recht funktionierte, wie Briefe in der Sonderausstellung belegten. Der Verkauf bildete den Grundstock für Zuses Firma.

Zuse sollte als "Scharlatan" entlarvt werden, erinnert sich Wilfried de Beauclair.

(Bild: Detlef Borchers)

Im Rahmen seines Vortrages präsentierte Hashagen einen Gruß des Computerpioniers Wilfried de Beauclair an das Festkolloquium. Im Brief erinnerte Beauclair daran, dass Alwin Walther "von Berlin" beauftragt worden war, den "Scharlatan" Zuse zu entlarven – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Zuse-Forschung erst am Anfang steht. Dies unterstrich auch der österreichische Computerpionier Heinz Zemanek in seinem Abendvortrag. Zemanek berichtete von einer Computermesse in Madrid im Jahre 1958, auf der er Konrad Zuse traf. Dieser unterhielt sich wiederum bestens mit Otto Skorzeny, dem Kommandeur der Operation Eiche. In der anschließenden Diskussion wurde daran erinnert, dass Zuse die Fertigstellung der Z1 mit dem Fall Madrids am 28. März 1939 datiert hatte.

Einen umfassenden Überblick über den "ersten Computer" bot der Computerhistoriker Michael Williams von der University of Calgary. Er präsentierte verschiedene Definitionen, was ein Computer sein kann und stellte dazu kurz die Pioniere vor. Beginnend mit Johann Helfrich von Müller über Charles Babbage und den Schweden Georg und Evard Scheutz entfaltete Williams einen Stammbaum, in dem auch Konrad Zuse ein "erster" unter vielen war. Ob in den USA (ENIAC), ob in Großbritannien (Colossus) oder in Deutschland (Z1) der Computer in kriegerischen Zeiten entstand, ist nach Williams weniger wichtig als der Umstand, dass in allen Ländern nach dem Krieg die Fundamente für die Entwicklung weiterer Computer gelegt waren. "Historiker haben die Pflicht, die technische Entwicklung zu dokumentieren, müssen aber nicht diese Frage beantworten."

Zuses letzte Erfindung: Der ausfahrbare Helix-Turm (1:30-Modell) sollte Windkraftanlagen tragen.

(Bild: Detlef Borchers)

Neben den zahlreichen Vorträgen wurde in München die letzte Erfindung von Konrad Zuse als funktionsfähiges Modell präsentiert. Der zwischen 1991 und 1996 entwickelte ausfahrbare Helix-Turm sollte nach Zuse das Fundament für Windkraftanlagen von 120 Metern Höhe bilden, die bei Bedarf oder Gefahr schnell auf den Boden absinken können. Ökonomisch sei der Helix-Turm im Vergleich zu den heute benutzten Röhren eine absolut unrentable Idee, führte Georg Nemetschek aus, dessen Firma mit Zuse-Rechnern groß wurde. "Doch als Ingenieur hat er uns allen wieder einmal etwas vorgemacht." (cp)